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Veronika
Hofeneder362
versteht den Kommunismus als die einzige Voraussetzung zu einem gerechten
Leben für alle Menschen, da hier das Postulat der Nächstenliebe in Idealform
umgesetzt sei.43
Diese Überzeugung ist auch in Tolstojs Drama Und das Licht scheinet in der
Finsternis zentral, dessen Protagonist, der Armut suchende Gutsherr Nikolai
Michelajewitsch Sarynzew, als autobiographisch inspiriertes Selbstporträt des
Dichters gilt. In der Rolle des Gutsherrn gastierte der zeitgenössische Schau-
spielstar Alexander Moissi im Mai 1919 an der Neuen Wiener Bühne. Die im
Sowjet mit „A.E.“ gezeichnete Kritik dieser Theateraufführung ist aller Wahr-
scheinlichkeit nach Gina Kaus zuzuordnen, die das Stück als „erschütternde[n]
Aufruf zum Kommunismus“ feiert.44 Tolstojs Überzeugung von der Notwen-
digkeit der „Befreiung der höheren Klassen aus geistiger Not“45 wird als Auf-
forderung zum Sturz des kapitalistischen Systems wiedergegeben. Dieses solle
aber, anders als in den Gedichten von Sonnenschein oder Bezruč, nicht durch
den Hass oder Selbsterlösungswillen der Unterdrückten gestürzt werden, son-
dern durch das Bedürfnis der Besitzenden nach Liebe und (sozialer) Gerechtig-
keit. Die Erkenntnis, dass das eigene Wohlergehen auf der Benachteiligung und
Unterdrückung anderer beruhe, werde durch Medien wie das Theater befördert,
die ihr (bürgerliches) Publikum zur Reflexion und zum Hinterfragen von Gesell-
schaftsordnungen bringen; das sei der Wiener Aufführung nicht zuletzt durch
die überzeugende Darstellung von Moissi gelungen.46
Den Diskurs über Christentum und Kommunismus setzt auch das unmittel-
bar auf die Theaterkritik nachfolgende Gedicht von Rudolf Fuchs fort. Fuchs,
Mitglied des Prager Kreises um Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel, hat
43 Vgl. A.E. [d.i. Gina Kaus]:
Tolstoi:
„Und das Licht scheinet in der Finsternis“. In:
ebd.,
S. 34–43, bs. S. 35.
44 Ebd.
45 Ebd., S.
36.
46 Etwas weniger euphorisch bewerten die gängigen Wiener Tageszeitungen die Auf-
führung. Während sich die Rezensenten in Arbeiter-Zeitung, Neues Wiener Tagblatt,
Reichspost und Wiener Zeitung über Moissis darstellerische Leistung weitgehend einig
begeistert zeigen, wird Tolstojs dramatische Leistung kontroversieller beurteilt. So
wird im Neuen Wiener Tagblatt das Stück als dramaturgisch wenig gelungen und nicht
sonderlich tief greifend kritisiert, die konservative Reichspost beanstandet beson-
ders die poetische Verklärung und das gefährliche Verführungsmoment des politisch
hochbrisanten Bolschewismus-Themas durch Tolstoj (vgl. N.N., in:
Arbeiter-Zeitung
(21.5.1919), S.
6; m.b., in:
Neues Wiener Tagblatt (20.5.1919), S.
13; Marco Brociner,
in:
Neues Wiener Tagblatt (22.5.1919), S.
12f.; B., in:
Reichspost (20.5.1919), S.
7f.;
–f.,
in: Wiener Zeitung Abendausgabe (Wiener Abendpost) (20.5.1919), S. 4).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur