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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 363
sich vor allem als Übersetzer der Gedichte seines tschechischen Landsmannes
Bezruč einen Namen gemacht, ist jedoch auch mit eigenen Werken in Erschei-
nung getreten. Sein in jener Nummer des Sowjet abgedrucktes Gedicht Droh-
nenschlacht verhandelt die Aufforderung zur Revolution mittels der Metapher
der Bienenmännchen, die als faule Nutznießer fremder Arbeit für die besitzende
Klasse stehen. Der Titel verweist auf die alljährlich von den Arbeitsbienen voll-
zogene Vertreibung der Drohnen aus dem Bienenstock, die nach der Begattung
der Königin nicht mehr benötigt werden.47 Das Gedicht endet im die christli-
che Symbolik aufgreifenden und damit wieder auf Tolstoj verweisenden Bild der
besitzenden Klasse, die zuerst fallen müsse, um dadurch ihre geistige Erhöhung
zu erwirken:
Das müssige [sic] Geschlecht in unseren Ständen,
das aller Werk verschleudert und verrät,
die Prasser, die uns vor dem Himmel schänden,
hinweg damit aus unsern Wänden –
Sie sollen enden! Denn ihr Fall erhöht.48
3 Kultur und Literatur
Ein ebenfalls in Debatten zu Tolstoj stets wiederkehrendes Thema, nämlich das
Verhältnis des Volkes zu Kunst und Kultur, kann durchaus als Leitthema der
ersten Nummern des Sowjet bezeichnet werden. In ihrer Theaterkritik zollt Gina
Kaus Tolstoj dafür Bewunderung, dass er als gefeierter Dichter die alltägliche
Arbeit des Bauern „höher wertet als Philosophie und Dichtkunst“49 und diesem
daher auch den Zugang zu den höchsten Freuden des Lebens, der Beschäfti-
gung mit Kunst und Wissenschaft, ermöglichen möchte. Der Stellenwert der
kulturellen Bildung der Massen wird dann nochmals in Textfragmenten über
47 Vgl. Ralph Dutli: Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene. Göttin-
gen: Wallstein 2012, S. 16.
48 Rudolf Fuchs: Drohnenschlacht. In: Sowjet, H. 2/1919, S. 43f., zit. S. 43. Weitere
Übersteigerungen des Revolutionären ins Religiöse finden sich auch wieder in den
im vierten Heft abgedruckten Gedichten von Sonnenschein (Weltherbst 1919, Ver-
söhnung und Oh, Wahrheit), der sich als Bruder Sonka zum Heilsverkünder stilisierte,
sowie in jenen von Rudolf Hartig im letzten Heft des ersten Jahrgangs (Allmächtig ent-
steigt bald allen Herzen der gute Prophet …, Gott wird euch fragen …; vgl. Hugo Son-
nenschein: Drei Gedichte. In: Sowjet, H. 4/1919, S. 29–31; Rudolf Hartig: Gedichte.
In:
Sowjet, H. 10–11/1920, S. 51–53).
49 A.E. [d.i. Gina Kaus]: Tolstoi: „Und das Licht scheinet in der Finsternis“. In: ebd.,
S. 34–43, zit. S. 37.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur