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Veronika
Hofeneder364
„Revolution und Kultur“50 von Maksim Gor’kij verhandelt. Diese Bemerkungen
sind in der dritten Sowjet-Nummer abgedruckt, einem Heft, das ansonsten mit
Berichten von Politikern und Theoretikern aus dem Umfeld Lenins einen wirt-
schaftspolitischen Schwerpunkt mit Fokus auf Sowjetrussland setzt.51 Gor’kij
fordert für die Zeit nach der Revolution die sofortige Entfaltung kultureller
Tätigkeiten, um dem Volk Lebensfähigkeit und -sinn zu geben.52 Konkret wird
Gina Kaus eine dieser kulturellen Aktivitäten dann in den „Mitteilungen“53 im
vierten Sowjet-Heft benennen. Sie bezieht sich in ihrem Text auf einen Artikel
von Otto König über Hedwig Courths-Maler, der kurz zuvor in der Arbeiter-
Zeitung erschienen ist,54 und formuliert Forderungen nach einer massentaugli-
chen und -verständlichen Literatur, die das wirkliche Leben abbilden und keine
schöngefärbten Roman- oder realitätsferne Seelenwelten konstruieren solle. Ins-
besondere kritisiert Kaus die Form und die großbürgerliche Sprache dieser vor
allem auf Unterhaltung abzielenden Romane.
Ihre poetologischen Forderungen versucht Kaus dann in ihrer Erzählung
Der Altar, die in drei Folgen von November 1919 bis Februar 1920 im Sowjet
erscheint,55 umzusetzen. Neben der Darstellung der Alltags- und Arbeitswelt der
Proletarier sowie der Kritik am bürgerlichen Kunstverständnis werden in der
Erzählung auch fundamentale Marxismus-Diskurse verhandelt, wie der Wert
der Arbeit und sich daraus ergebende Machtverhältnisse, die auch im erwei-
terten Zeitschriftenkontext thematisiert werden: So eröffnet das siebente Heft
des Sowjet, in dem die letzte Fortsetzung des Altar erscheint, ein Artikel des
schwedischen Politikers und Mitbegründers der kommunistischen Bewegung in
Schweden Fredrik Ström über „Weltrevolution und Welterbe“, der „die Arbeit als
50 Diese stammen aus dem Buch Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur,
das Gor’kijs Aufsätze aus der Tageszeitung Nowaja Žizn zwischen 1917 und 1918
versammelt.
51 Vgl. z.B. Larin: Die Wirtschaftspolitik der Sowjetmacht. In: Sowjet, H. 3/1919,
S. 10–17; A. Lomow: Ein Jahr proletarischer Diktatur und Volkswirtschaft. In: ebd.,
S.
18–23; N.
Bucharin:
Der Klassenkampf und die Revolution in Rußland. In:
Sowjet,
H. 3/1919, S. 27–51, und H. 4/1919, S. 31–54.
52 Vgl. Maxim Gorkij:
Revolution und Kultur. In:
Sowjet, H.
3/1919, S.
23–25, hier S.
23.
53 A.E. [d.i. Gina Kaus]: Mitteilungen. In: Sowjet, H. 4/1919, S. 54–56.
54 Vgl. Otto König:
Der Courths-Maler Roman. In:
Arbeiter-Zeitung (28.9.1919), S.
2–4.
55 Vgl. Andreas Eckbrecht [d.i. Gina Kaus]: Der Altar. In: Sowjet, H. 5/1919, S. 23–40,
H.
6/1919, S.
43–54, und H.
7/1920, S.
36–46. Ausführlicher zum Altar vgl. Veronika
Hofeneder: Der produktive Kosmos der Gina Kaus. Schriftstellerin – Pädagogin –
Revolutionärin. Hildesheim: Olms 2013, S. 159f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur