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Stefan
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Symbolismus, der im Unterschied zur ersten, frankophilen Generation der rus-
sischen Symbolisten insgesamt zur deutschen Kultur hin orientiert gewesen ist.
Esenin firmiert als der mit Abstand bedeutendste Repräsentant des russischen
Imaginismus, und Majakovskij hat sich gemeinsam mit Velimir Chlebnikov und
Aleksej Kručёnych zur Gruppierung der russischen Kubo-Futuristen zusam-
mengeschlossen, der vielleicht bedeutendsten Kraft innerhalb der russischen
Avantgarde.
Der frühe Tod Bloks und der Freitod Esenins beziehungsweise Majakovskijs
(inklusive der jeweiligen Abschiedsgedichte und Majakovskijs in Gedichtform
gekleidete Kritik an Esenins Entscheidung für die Selbsttötung) riefen in der
russischen Öffentlichkeit starke Reaktionen hervor.8 In Kombination mit der
Berichterstattung über die Beisetzung der Poeten schrieb sich hier das symbo-
lisch aufgeladene Narrativ vom Tod des Dichters fort, für das der Duelltod Alek-
sandr Puškins im Jahre 1837 prägend blieb.9
Zudem lenkt die chronologische Abfolge der genannten Todesfälle der Jahre
1921, 1925 und 1930 den Blick auf ein Jahrzehnt russischer Literatur in ihren
postrevolutionären Evolutionsschritten:
vom Kriegskommunismus über die Zeit
der NĖP, der „Neuen Ökonomischen Politik“ Mitte der 1920er Jahre, bis hin zur
sukzessiven Monopolisierung und Reglementierung des kulturellen Lebens am
Ende des Jahrzehnts, die Majakovskij in seinen späten, dystopischen Komödien
Klop (dt. Die Wanze) und Banja (dt. Das Schwitzbad) satirisch zur Darstellung
gebracht hat. Über die Lebens- und die Kunsttexte der drei Dichter lassen sich
somit diese drei „Entwicklungsphasen“ des kulturellen Lebens in der Sowjet-
union im ersten Dezennium ihres Bestehens zu Symbolismus, Imaginismus und
Futurismus in Beziehung setzen.
8 Zum Tode Bloks vgl. Avril Pyman: The Life of Aleksandr Blok. Vol. II: The Release
of Harmony 1908–1921. Oxford–London–New
York:
Oxford University Press 1980,
S. 374–380; zu Bloks Begräbnis vgl. Wolfgang Stephan Kissel: Der Kult des toten
Dichters und die russische Moderne. Puškin – Blok – Majakovskij. Köln–Weimar–
Wien: Böhlau 2004, S. 97–103.
9 Zu Puškins Begräbnis als kulturellem Faktum der russischen Kultur bis 1921 (das
Todesjahr Bloks) vgl. Kissel, Kult des toten Dichters, S. 23–95; zur ideologischen
Funktionalisierung des Dichtertodes gerade auch Puškins im sowjetischen Kontext
vgl. Rainer Grübel:
Gabe, Aufgabe, Selbstaufgabe:
Dichter-Tod als Opferhabitus. Zur
Genese des sowjetischen Personenkultes aus Dichtertod, Lenin- und Puškingeden-
ken. In: Klaus Städtke (Hg.): Welt hinter dem Spiegel. Zum Status des Autors in der
russischen Literatur der 1920er bis 1950er Jahre. Berlin:
De Gruyter 1998, S.
139–204.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur