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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 376 -
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Stefan Simonek376 Volk mit ihnen. Ja! das ganze! Es geschieht ein Verbrechen wie niemals seit Anfang der Welt. Ein Häuflein von Verbrechern ermordet ein großes Volk und alle anderen Völker waschen sich die Hände oder helfen dem Mörder.“22 Diesen Zitaten folgt ein knapp gehaltenes Porträt Merežkovskijs, in dem der Autor über seine Romantrilogie Leonardo da Vinci, Peter und Alexei und Julian Apostata sowie seine publizistischen Schriften vorgestellt wird. Die kulturphi- losophische Schrift Grjaduščij cham, die 1907 in der Übersetzung von Harald Hoerschelmann unter dem Titel Der Anmarsch des Pöbels erschienen ist, wird abweichend als Vom kommenden Pöbel wiedergegeben.23 Den publizistischen Werken Merežkovskijs zollt der Reporter insofern Respekt, als er sie als eine eigene Schule und eine Richtung darstellt, und zudem Zinaida Gippius als bedeutende Dichterin präsentiert. Der Gang ins Exil wird kritisch vermerkt und Merežkovskijs religiöser Konzeption abschließend eine lediglich gewendete, strukturell freilich auffällig analog gehaltene Heilserwartung entgegengesetzt. Der immerhin als „entschieden großes Talent“ gewürdigte Merežkovskij und seine Generation erscheinen als eine obsolete Vergangenheit, die nun durch die Klasse des Proletariats ersetzt werde.24 Mit dem Bericht partizipierte die Rote Fahne in jedem Fall an einer auch über das Nachkriegsösterreich hinausreichenden publizistischen Öffentlichkeit. Felix Salten zum Beispiel nahm in seinem im Pester Lloyd veröffentlichten Arti- kel „Der Angeklagte Gorki“ auf Gor’kijs Offenen Brief und auf Merežkovskijs Reaktion Bezug. Salten verteidigte zwar Gor’kijs ehrliches Anliegen, formulierte aber auch kritische Einwände gegen Gor’kijs literarischen Kosmos und schlug sich schließlich auf die Seite des „europäischen Kulturmenschen“ Merežkovskij, wenn er zu Gor’kij bemerkt: Mereschkowsky trifft in Gorkij alle die unwissenden, verantwortungslosen, von Platthei- ten berauschten, dilettantischen Schwätzer, die sich Macht und Führerschaft angemaßt haben. Wenn die Welt aus tausend Wunden blutet, dann ist der Naive und Selbstlose, der an ihr zum Stümper wird, ebenso verdammenswert, wie der Stümper aus Eigennutz und Niedertracht. Wenn eine einzige falsche Maßregel Hunderttausende ins Verderben 22 N.N.:  Die geistigen Stützen der Konterrevolution. In:  RF (16.8.1921), S.  3. 23 Die Übersetzung erschien bei Piper. 24 Aus weltanschaulich entgegengesetzter Perspektive heraus firmiert Merežkovskij Jahre später dann in der Reichspost als Zeuge der Anklage gegen den bolschewis- tischen antireligiösen Terror; in einem längeren Beitrag finden sich gleich drei ent- sprechende Zitate des russischen Autors (vgl. H. Birnbaum:  Moskaus Kampf gegen Gott. Die Mitschuld Europas. In:  Reichspost (9.4.1930), S.  1f.).
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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