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Stefan
Simonek376
Volk mit ihnen. Ja! das ganze! Es geschieht ein Verbrechen wie niemals seit Anfang der
Welt. Ein Häuflein von Verbrechern ermordet ein großes Volk und alle anderen Völker
waschen sich die Hände oder helfen dem Mörder.“22
Diesen Zitaten folgt ein knapp gehaltenes Porträt Merežkovskijs, in dem der
Autor über seine Romantrilogie Leonardo da Vinci, Peter und Alexei und Julian
Apostata sowie seine publizistischen Schriften vorgestellt wird. Die kulturphi-
losophische Schrift Grjaduščij cham, die 1907 in der Übersetzung von Harald
Hoerschelmann unter dem Titel Der Anmarsch des Pöbels erschienen ist, wird
abweichend als Vom kommenden Pöbel wiedergegeben.23 Den publizistischen
Werken Merežkovskijs zollt der Reporter insofern Respekt, als er sie als eine
eigene Schule und eine Richtung darstellt, und zudem Zinaida Gippius als
bedeutende Dichterin präsentiert. Der Gang ins Exil wird kritisch vermerkt und
Merežkovskijs religiöser Konzeption abschließend eine lediglich gewendete,
strukturell freilich auffällig analog gehaltene Heilserwartung entgegengesetzt.
Der immerhin als „entschieden großes Talent“ gewürdigte Merežkovskij und
seine Generation erscheinen als eine obsolete Vergangenheit, die nun durch die
Klasse des Proletariats ersetzt werde.24
Mit dem Bericht partizipierte die Rote Fahne in jedem Fall an einer auch
über das Nachkriegsösterreich hinausreichenden publizistischen Öffentlichkeit.
Felix Salten zum Beispiel nahm in seinem im Pester Lloyd veröffentlichten Arti-
kel „Der Angeklagte Gorki“ auf Gor’kijs Offenen Brief und auf Merežkovskijs
Reaktion Bezug. Salten verteidigte zwar Gor’kijs ehrliches Anliegen, formulierte
aber auch kritische Einwände gegen Gor’kijs literarischen Kosmos und schlug
sich schließlich auf die Seite des „europäischen Kulturmenschen“ Merežkovskij,
wenn er zu Gor’kij bemerkt:
Mereschkowsky trifft in Gorkij alle die unwissenden, verantwortungslosen, von Platthei-
ten berauschten, dilettantischen Schwätzer, die sich Macht und Führerschaft angemaßt
haben. Wenn die Welt aus tausend Wunden blutet, dann ist der Naive und Selbstlose,
der an ihr zum Stümper wird, ebenso verdammenswert, wie der Stümper aus Eigennutz
und Niedertracht. Wenn eine einzige falsche Maßregel Hunderttausende ins Verderben
22 N.N.: Die geistigen Stützen der Konterrevolution. In: RF (16.8.1921), S.
3.
23 Die Übersetzung erschien bei Piper.
24 Aus weltanschaulich entgegengesetzter Perspektive heraus firmiert Merežkovskij
Jahre später dann in der Reichspost als Zeuge der Anklage gegen den bolschewis-
tischen antireligiösen Terror; in einem längeren Beitrag finden sich gleich drei ent-
sprechende Zitate des russischen Autors (vgl. H. Birnbaum: Moskaus Kampf gegen
Gott. Die Mitschuld Europas. In: Reichspost (9.4.1930), S. 1f.).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur