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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 378 -
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Stefan Simonek378 Es kann als symptomatisch für die verengte Konzeption von Literatur, die der Berichterstattung der Roten Fahne insgesamt zugrunde liegt, gedeutet werden, dass sich auf den Seiten des Blattes auch noch zu Beginn des Jahres 1926 kein Nachruf auf Esenin finden lässt. Als gewissermaßen „politisch korrekten“ Ersatz brachte die Rote Fahne dafür bereits am 11. Dezember unter dem Titel „Tod des ältesten Proletarierdichters in Russland“ einen Nekrolog auf den außerhalb Russlands nur wenig bekannten Egor Nečaev.30 Die Neue Freie Presse dagegen veröffentlichte bereits in der Abendausgabe vom 29. Dezember zwar noch keine Nachricht vom Ableben, aber immerhin eine Notiz zum Selbstmordversuch Ese- nins. Bei dieser Gelegenheit wird Esenin als in seiner Heimat geschätzter Lyriker moderner Richtung gewürdigt, der eine eigene Schule gegründet habe  – gemeint ist hier wohl der Imaginismus  – und dessen Werke in einer Gesamtausgabe erschienen sind.31 Dass die Rote Fahne anders als bei Blok und später dann bei Majakovskij im Fall von Esenin keine Todesnachricht ins Blatt rückte, mag wohl auch mit der wesentlich später einsetzenden Rezeption des Dichters im deutschen Sprach- raum zu tun haben. Freilich enthielt bereits die 1923 von Savelij Tartakover herausgegebene Anthologie Das russische Revolutionsgesicht Textproben von Esenin.32 Eine erste Einzelausgabe von Esenins Gedichten, der dann weitere Auswahlbände folgen sollten, erschien jedoch erst 1958 unter dem Titel Liebstes Land, das Herz träumt leise in Ost-Berlin.33 Während man einen Bericht zum Freitod Esenins in der Roten Fahne also vergeblich sucht, bieten die einzelnen Nummern im Dezember 1925 dafür meh- rere anders geartete Zugänge zur russischen Literatur:  Gleich zweimal wurde der fünfzehnte Todestag Lev Tolstojs erwähnt, dem sich auch das neue bolschewisti- sche Regime verpflichtet fühlte. Am 4.  Dezember druckte das Blatt (mit entspre- chender Quellenangabe) Lenins Nachruf aus Nr.  18 der russischen Zeitung Der Sozial-Demokrat vom 16. beziehungsweise 29.  November  1910 nach.34 Drei Tage später findet sich unter der Rubrik „Aus dem roten Russland“ eine knappe Notiz zu Feierlichkeiten und Aktivitäten auf Tolstojs Gut Jasnaja Poljana anlässlich des 30 N.N.:  Tod des ältesten Proletarierdichters in Rußland. In:  RF (11.12.1925), S.  6. 31 N.N.:  Selbstmordversuch des russischen Dichters Jessenin. In:  Neue Freie Presse (29.12.1925, Abendblatt), S.  2. 32 Vgl. die Angaben in Friedrich Hübner:  Russische Literatur des 20.  Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen. Eine kommentierte Bibliographie. Wien-Köln- Weimar:  Böhlau 2012, S.  78. 33 Vgl. Schweikert, Russische Literatur, S.  282. 34 V. Lenin:  Leo Tolstoj. Zum 15. Todestag Tolstojs. In:  RF (4.12.1925), S.  2.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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