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Russische Literatur in der Roten Fahne 379
fünfzehnten Todestags.35 Über den gesamten Monat erstreckte sich der Nach-
druck von Aleksandr Serafimovičs Roman Železnyj potok, der 1925 unter dem
Titel Der eiserne Strom. Roman aus der russischen Revolution 1917 in der Über-
setzung von Eduard Schiemann36 im Neuen Deutschen Verlag (Berlin) erschie-
nen ist.
Von besonderer Bedeutung ist der Abdruck der Erzählung Sol’ (dt. Salz) aus
Isaak Babel’s berühmtem Erzählzyklus Konarmija (dt. Die Reiterarmee): Am
6.
Dezember:
1925 hatte der Berliner Malik-Verlag37 eine Übersetzung von Dmi-
trij Umanskij, der die Texte aus einem russischen Manuskript heraus übertragen
hatte, veröffentlicht; die russische Ausgabe erschien erst 1926.38 Im Zeichen der
Technik des „skaz“,39 einer Art Sprachmaske, hinter der sich der Erzähler ver-
birgt, gibt die knappe, mit Überlagerungen von Schriftlichkeit und stilisierter
Mündlichkeit gestaltete Erzählung in Briefform den Bericht des Revolutionssol-
daten Nikita Balmašev wieder. In dem Schreiben berichtet Balmašev unter ande-
rem auch von einem Streitgespräch mit einer Frau, die ein eingewickeltes Pud
Salz als ihr Kind ausgegeben hat, um mit den Kosaken im Zug mitzufahren. Als
die Täuschung auffliegt und die Frau den Soldaten vorwirft, nicht an Russland
zu denken und lediglich die Juden, Lenin und Trockij retten zu wollen, weist sie
Balmašev zurecht und erklärt:
Von den Juden ist jetzt nicht die Rede – Du [sic] schlechte Bürgerin. Die Juden haben
mit dieser Sache nichts zu schaffen. Uebrigens von Lenin weiß ich nichts, doch Trotzki
35 N.N.: Aus dem roten Rußland. In: RF (7.12.1925), S. 6.
36 Vgl. N.N.: Eduard Schiemann. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_
Schiemann.
37 Zur Funktion der Verlage als Kulturvermittler vgl. Carmen Sippl:
Verlage und Über-
setzer als russisch-deutsche Kulturvermittler in der Zwischenkriegszeit. In: Karl
Eimermacher/Astrid Volpert (Hgg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoff-
nungen. Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit. München: Fink 2006,
S. 783–803; zu politisch links orientierten deutschen und österreichischen Verlagen
zwischen 1917 und 1932 und deren Produktion an russischen Büchern vgl. Hübner,
Russische Literatur, S. 78–83 bzw. 132–137.
38 Vgl. Lothar Baier: Ordnung im Tohuwabohu. „Die Reiterarmee“ – zum hunderts-
ten Geburtstag Isaak Babel’s hat Peter Urban eine neue Ausgabe vorgelegt. In: Zeit
Online [8.7.1994]. Online unter: http://www.zeit.de/1994/28/ordnung-im-tohuwa-
bohu; Ulrike Jekutsch:
Isaak Babel’s „Konarmija“ im Deutschland der zwanziger Jahre.
In: Zeitschrift für Slawistik, Nr. 3/2005, S. 255–269.
39 Zur revolutionären Rhetorik in Babel’s Sol’ vgl. Gareth Williams: The Rhetoric of
Revolution in Babel’’s „Konarmija“. In: Russian Literature, Nr. 3/1984, S. 279–298,
hier S. 281–284.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur