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Stefan
Simonek380
ist der mutige Sohn des Tambower Gouvernements und ist, obzwar anderen Standes,
für die arbeitende Klasse eingetreten. Wie zu Zwangsarbeiten Verurteilte ziehen uns
Lenin und Trotzki auf den freien Weg des Lebens hinaus.40
Diese Würdigung Trockijs ist von gleich zweifachem Interesse:
Trockij erscheint
hier noch in positivem Licht, bevor sich diese Einschätzung schon bald entspre-
chend der politischen Vorgaben aus der Sowjetunion ändern sollte. Zudem wird
den Lesern der Roten Fahne eine unzensierte Version der Erzählung angebo-
ten: Babel’ fiel 1940 nämlich dem Stalinistischen Terror zum Opfer. Nach seiner
Rehabilitation konnte die Reiterarmee 1957 zwar erstmals wieder erscheinen,
freilich ohne die positive Erwähnung Trockijs, die bis zu den Jahren der Pere-
strojka tabu blieb.41
Ungeachtet der antireligiösen Ausrichtung der Zeitung fühlte sich die Rote
Fahne verpflichtet, ihrer Leserschaft Geschenkvorschläge für das Weihnachtsfest
zu machen, die am 19. und 22.
Dezember
1925 unter dem Titel „Bücher, die der
Proletarier schenkt“ erteilt wurden. Hierfür berücksichtigte man als politische
Literatur Schriften von Lenin, Trockij, Bucharin und Stalin,42 und als Belletris-
tik neben Aleksandr Neverovs Erzählband Das Antlitz des Lebens genau jene
beiden Bände, die im Verlauf der vorangegangenen Nummern im Blatt selbst
präsentiert worden waren: Der eiserne Strom von Aleksandr Serafimovič wurde
als „Kunstwerk der neueren russischen Literatur“ gewürdigt, „in dem man das
Werden der sieghaften, den Feind zerschmetternden Roten Armee erlebt“. Zu
Budjonnys Reiterarmee von Isaak Babel’ ließ man die Leserschaft wissen, dass
sich der Autor den Roten Reitern Budennyjs angeschlossen habe und in sei-
nen Erzählungen die Charaktere, Ansichten, Taten und Sorgen dieser tapferen
Soldaten der Revolution schildere.43 Bezeichnenderweise wird der Band als
durchwegs affirmativ gehaltene Verherrlichung des politischen Umsturzes inter-
pretiert.44 Die Ambivalenzen in der ethischen Wertung des Erzählgeschehens
40 Isaak Babel: Salz. In: RF (6.12.1925), S. 8f.
41 Vgl. als Beispiel einer spätsowjetischen Ausgabe: I[saak] Babel’: Izbrannoe.
Minsk: Mastackaja litaratura 1986, in der sich Salz (S. 62–64) immer noch ohne die
ursprüngliche Erwähnung Lev Trockijs findet. Auch in der 1980 erschienen Aus-
gabe der Reiterarmee, die eingangs als „erste vollständige Ausgabe“ bezeichnet wird,
bleiben in der betreffenden Passage der Erzählung sowohl Lenin als auch Trockij
unerwähnt (vgl. Isaak Babel:
Die Reiterarmee. Darmstadt:
Luchterhand 1980, S.
83).
42 N.N.: Bücher, die der Proletarier schenkt. In: RF (19.12.1925), S. 2.
43 N.N.: Bücher, die der Proletarier schenkt. In: RF (22.12.1925), S. 6.
44 Zur Reiterarmee im literaturpolitischen Kontext der 1920er Jahre und zu zeitgenös-
sischen Polemiken zu Babel’s Erzählungen vgl. Li Su Ёn:
Spor ėstetiki i politiki (pole-
mika 1920–1930-ch godov vokrug „Konarmii“ i „Odesskich rasskazov“ I. Babelja),
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur