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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 380 -
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Stefan Simonek380 ist der mutige Sohn des Tambower Gouvernements und ist, obzwar anderen Standes, für die arbeitende Klasse eingetreten. Wie zu Zwangsarbeiten Verurteilte ziehen uns Lenin und Trotzki auf den freien Weg des Lebens hinaus.40 Diese Würdigung Trockijs ist von gleich zweifachem Interesse:  Trockij erscheint hier noch in positivem Licht, bevor sich diese Einschätzung schon bald entspre- chend der politischen Vorgaben aus der Sowjetunion ändern sollte. Zudem wird den Lesern der Roten Fahne eine unzensierte Version der Erzählung angebo- ten:  Babel’ fiel 1940 nämlich dem Stalinistischen Terror zum Opfer. Nach seiner Rehabilitation konnte die Reiterarmee 1957 zwar erstmals wieder erscheinen, freilich ohne die positive Erwähnung Trockijs, die bis zu den Jahren der Pere- strojka tabu blieb.41 Ungeachtet der antireligiösen Ausrichtung der Zeitung fühlte sich die Rote Fahne verpflichtet, ihrer Leserschaft Geschenkvorschläge für das Weihnachtsfest zu machen, die am 19. und 22.  Dezember  1925 unter dem Titel „Bücher, die der Proletarier schenkt“ erteilt wurden. Hierfür berücksichtigte man als politische Literatur Schriften von Lenin, Trockij, Bucharin und Stalin,42 und als Belletris- tik neben Aleksandr Neverovs Erzählband Das Antlitz des Lebens genau jene beiden Bände, die im Verlauf der vorangegangenen Nummern im Blatt selbst präsentiert worden waren:  Der eiserne Strom von Aleksandr Serafimovič wurde als „Kunstwerk der neueren russischen Literatur“ gewürdigt, „in dem man das Werden der sieghaften, den Feind zerschmetternden Roten Armee erlebt“. Zu Budjonnys Reiterarmee von Isaak Babel’ ließ man die Leserschaft wissen, dass sich der Autor den Roten Reitern Budennyjs angeschlossen habe und in sei- nen Erzählungen die Charaktere, Ansichten, Taten und Sorgen dieser tapferen Soldaten der Revolution schildere.43 Bezeichnenderweise wird der Band als durchwegs affirmativ gehaltene Verherrlichung des politischen Umsturzes inter- pretiert.44 Die Ambivalenzen in der ethischen Wertung des Erzählgeschehens 40 Isaak Babel:  Salz. In:  RF (6.12.1925), S.  8f. 41 Vgl. als Beispiel einer spätsowjetischen Ausgabe:  I[saak] Babel’:  Izbrannoe. Minsk:  Mastackaja litaratura 1986, in der sich Salz (S.  62–64) immer noch ohne die ursprüngliche Erwähnung Lev Trockijs findet. Auch in der 1980 erschienen Aus- gabe der Reiterarmee, die eingangs als „erste vollständige Ausgabe“ bezeichnet wird, bleiben in der betreffenden Passage der Erzählung sowohl Lenin als auch Trockij unerwähnt (vgl. Isaak Babel:  Die Reiterarmee. Darmstadt:  Luchterhand 1980, S.  83). 42 N.N.:  Bücher, die der Proletarier schenkt. In:  RF (19.12.1925), S.  2. 43 N.N.:  Bücher, die der Proletarier schenkt. In:  RF (22.12.1925), S.  6. 44 Zur Reiterarmee im literaturpolitischen Kontext der 1920er Jahre und zu zeitgenös- sischen Polemiken zu Babel’s Erzählungen vgl. Li Su Ёn:  Spor ėstetiki i politiki (pole- mika 1920–1930-ch godov vokrug „Konarmii“ i „Odesskich rasskazov“ I.  Babelja),
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹