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Russische Literatur in der Roten Fahne 383
Als konkrete Texte Majakovskijs nennt Bihalji-Merin im Anschluss daran das
Poem 150 Millionen, dessen 1924 bei Malik erschienene Übertragung von Johan-
nes R.
Becher samt typographischer Gestaltung von John Heartfield am 24. April
im Annoncenteil mit Verweis auf den Tod Majakovskijs auch eigens zur Lektüre
empfohlen wird,52 das Mysterium buffo und Die Wanze
– jeweils in der Inszenie-
rung von Vsevolod Mejerchol’d – sowie die Komödie Das Schwitzbad. Gleich
einen Tag später werden unter dem Titel „Die russische Arbeiterschaft ehrt ihren
revolutionären Dichter“ die Begräbnisfeierlichkeiten geschildert und einige der
Trauerredner namentlich erwähnt, darunter auch Anatolij Lunačarskij.53 Tags
darauf druckt die Rote Fahne unter dem Titel „Wladimir Majakowski“ einen
Nachruf aus der Pravda ab
– mit dem Hinweis, dass es sich bei dem gleicherma-
ßen umfang- wie kenntnisreichen Nachruf vom 18. April um einen Nachdruck
aus der Berliner Roten Fahne handle. Die Kompetenz in Sachen Majakovskij ist
demnach nicht in Österreich, sondern de facto in Deutschland zu verorten.54
Um einige Tage früher als die Rote Fahne, dafür aber deutlich knapper und
distanzierter hatte auch die Arbeiter-Zeitung das Ableben des Dichters55 in einer
mit „Selbstmord eines russischen Dichters“ überschriebenen Notiz (15.4.) ver-
meldet, in der Majakovskij fälschlich der Vorname „Waldemar“ zugesprochen
wurde. Eine ausführlichere Würdigung des Dichters auch unter Berücksichti-
gung seiner Werke wie in der Roten Fahne sucht man in der Arbeiter-Zeitung
aber vergebens. Stattdessen erfährt man, dass Majakovskij bis vor Kurzem der
„Liebling der maßgebenden kommunistischen Parteikreise in Rußland“ gewe-
sen sei.56 Insgesamt spiegeln die Notiz in ihrer impliziten Distanz und der darin
52 N.N.:
Zum Tode Wladimir Majakowskys … In:
RF (24.4.1930), S.
6. Zur ersten Phase
der Rezeption in Deutschland bis zum Tode des Dichters vgl. Roswitha Loew/Bella
Tschistowa (Hgg.): Majakowski in Deutschland: Texte zur Rezeption 1919–1930.
Berlin: Akademie 1986.
53 N.N.: Die russische Arbeiterschaft ehrt ihren revolutionären Dichter. In: RF
(19.4.1930), S. 5.
54 N.N.:
Wladimir Majakowski. In:
RF (20.4.1930), S.
4. Bihalji-Merins Nekrolog wurde
von der sowjetischen Jugend mit Empörung aufgenommen, sodass sich der Sekretär
des Exekutivkomitees der Kommunistischen Jugendinternationale am 30.4. brieflich
an das Sekretariat der Russischen Assoziation Proletarischer Schriftsteller (RAPP)
wandte, um gegen den im Umfeld der RAPP entstandenen Artikel zu protestieren
und (erfolglos) ein Dementi in der Roten Fahne zu fordern (vgl. Loew/Tschistowa,
Majakowski, S. 79).
55 Zur Arbeiter-Zeitung vgl. Selber, Parteilinie, S. 23–38.
56 N.N.: Selbstmord eines russischen Dichters. In: Arbeiter-Zeitung (15.4.1930), S. 3.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur