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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 386 -
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Stefan Simonek386 veranschaulichen, das in der Roten Fahne  – anders als in der Sowjetunion selbst  – ganz offensichtlich von der Gründung der Zeitung an dominierte:  Während in der postrevolutionären Sowjetunion in den 1920er Jahren formale Innovatio- nen, künstlerisches Experiment und ein bewusstes Anknüpfen an die gesamt- europäische kulturelle Überlieferung noch möglich waren  – erwähnt seien in diesem Zusammenhang Namen wie Boris Pasternak oder Osip Mandel’štam  –, verstand die Rote Fahne Literatur von Beginn ihres Bestehens an nicht als auto- nomen Bereich künstlerischer Äußerung, sondern als Medium ideologischer Zurichtung. In den Nachrufen auf Vladimir Majakovskij wird deutlich, dass das, was Roman Jakobson in seinem grundlegenden Aufsatz „Linguistics and Poe- tics“ 1960 als die poetische Funktion der Sprache bezeichnet hat, in der Roten Fahne als überlebtes, kleinbürgerliches Bewusstsein gebrandmarkt werden musste. Literatur hatte in der ideologischen Konzeption der Zeitung unabding- bar eine mit Jakobson als konativ zu charakterisierende Funktion, die sich etwa in Form des Vokativs oder Imperativs primär an den Empfänger der Mitteilung richtet.65 Die Rote Fahne firmierte als Zentralorgan der KPÖ sowie als Medium der Agitation und Propaganda, das bestrebt war, auch in das sozialdemokrati- sche und in das politisch nicht organisierte Arbeitermilieu hineinzuwirken und Interessenten und Sympathisanten ein Bild von Theorie und Praxis der kommu- nistischen Partei zu bieten.66 Sollte es daher im Österreich der Zwischenkriegs- zeit eine produktive Rezeption der russischen Avantgarde gegeben haben, war die Rote Fahne (zumindest auf Grundlage des für diesen Beitrag durchgesehenen Materials) allem Anschein nach nicht der Ort dafür. In der Roten Fahne wur- den die genuinen literarischen Leistungen der russischen Avantgarde, von deren Ausformungen wie Futurismus, Akmeismus oder Konstruktivismus auch auf die russische Literatur nach 1945 zahlreiche wichtige Innovationsimpulse ausstrah- len sollten, jedenfalls kaum berücksichtigt. 65 Roman Jakobson:  Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921–1971. Hg. v.  Elmar Holenstein u.  Tarcisius Schelbert. Frankfurt a.M.:  Suhrkamp 31993, S.  90 bzw. 92. 66 Vgl. Selber, Parteilinie, S.  129.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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