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Stefan
Simonek386
veranschaulichen, das in der Roten Fahne
– anders als in der Sowjetunion selbst
–
ganz offensichtlich von der Gründung der Zeitung an dominierte: Während in
der postrevolutionären Sowjetunion in den 1920er Jahren formale Innovatio-
nen, künstlerisches Experiment und ein bewusstes Anknüpfen an die gesamt-
europäische kulturelle Überlieferung noch möglich waren – erwähnt seien in
diesem Zusammenhang Namen wie Boris Pasternak oder Osip Mandel’štam –,
verstand die Rote Fahne Literatur von Beginn ihres Bestehens an nicht als auto-
nomen Bereich künstlerischer Äußerung, sondern als Medium ideologischer
Zurichtung. In den Nachrufen auf Vladimir Majakovskij wird deutlich, dass das,
was Roman Jakobson in seinem grundlegenden Aufsatz „Linguistics and Poe-
tics“ 1960 als die poetische Funktion der Sprache bezeichnet hat, in der Roten
Fahne als überlebtes, kleinbürgerliches Bewusstsein gebrandmarkt werden
musste. Literatur hatte in der ideologischen Konzeption der Zeitung unabding-
bar eine mit Jakobson als konativ zu charakterisierende Funktion, die sich etwa
in Form des Vokativs oder Imperativs primär an den Empfänger der Mitteilung
richtet.65 Die Rote Fahne firmierte als Zentralorgan der KPÖ sowie als Medium
der Agitation und Propaganda, das bestrebt war, auch in das sozialdemokrati-
sche und in das politisch nicht organisierte Arbeitermilieu hineinzuwirken und
Interessenten und Sympathisanten ein Bild von Theorie und Praxis der kommu-
nistischen Partei zu bieten.66 Sollte es daher im Österreich der Zwischenkriegs-
zeit eine produktive Rezeption der russischen Avantgarde gegeben haben, war
die Rote Fahne (zumindest auf Grundlage des für diesen Beitrag durchgesehenen
Materials) allem Anschein nach nicht der Ort dafür. In der Roten Fahne wur-
den die genuinen literarischen Leistungen der russischen Avantgarde, von deren
Ausformungen wie Futurismus, Akmeismus oder Konstruktivismus auch auf die
russische Literatur nach 1945 zahlreiche wichtige Innovationsimpulse ausstrah-
len sollten, jedenfalls kaum berücksichtigt.
65 Roman Jakobson:
Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921–1971. Hg. v.
Elmar Holenstein
u. Tarcisius Schelbert. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 31993, S. 90 bzw. 92.
66 Vgl. Selber, Parteilinie, S. 129.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur