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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 389
sorgen sollte. Die anhaltenden ökonomischen wie personellen Engpässe hatten
einen geringen Blattumfang, Schwächen in der Distribution – ein Leserkreis
bestand nahezu ausschließlich in Wien – und eine auch durch innerparteiliche
Flügelkämpfe begründete hohe Fluktuation zur Folge; vor allem für das Feuil-
leton als Leitfiguren dienende AutorInnen wie Paul Friedländer, Leo Lania und
Ruth Fischer setzten sich bald in Richtung Berlin ab.6
Aus dem Selbstverständnis des Feuilletons der Roten Fahne, „eine Waffe im
Klassenkampf“7 zu sein, resultierte der hohe Stellenwert der Auseinanderset-
zung mit der zur Utopie erhobenen Sowjetunion. So lässt sich Dieter Schillers
Befund, wonach „[d]
as Russland der ‚Roten Fahne‘ […] mehr Wunschbild und
Projektion als Wahrnehmung einer gesellschaftliche Realität“8 darstellt, naht-
los von Berlin auf Wien übertragen. Schon in den am ersten Parteitag der KPÖ
im Februar 1919 beschlossenen Leitsätzen für die Presse wurde die Herausgabe
einer „aufklärende[n] Broschüre: ‚Die Wahrheit über Rußland‘ “9 und später
die stärkere Berücksichtigung des Weltgeschehens, „insbesondere aus Rußland,
Deutschland, England und den an Oesterreich grenzenden Ländern“,10 gefor-
dert. Zwar konnte der 1925 geäußerte Wunsch nach einer „ständige[n] Rubrik
über die Lage und Entwicklung Sowjetrußlands“11 nicht erfüllt werden, doch
gehörten Russlandberichte – häufig in Verbindung mit Kritik am kapitalisti-
schen Westen – in allen Teilen des Blattes zu dessen wenigen Konstanten. Als
1932/33 die Illustrierte Rote Woche als populäre Ergänzung zum zuweilen von
ideologischen Debatten dominierten Parteiblatt lanciert wurde, diente auch die
Aussicht auf Russlandberichte in Wort und Bild als Verkaufsargument: „Es soll
6 Zur Geschichte der Roten Fahne vgl. Gerhard Moser:
Zwischen Autonomie und Orga-
nisation: Die Arbeiterkorrespondentenbewegung der „Roten Fahne“ in den Jahren
1924 bis 1933. Eine Studie zur Kommunikationspolitik der KPÖ in der 1. Repu-
blik. Wien, Phil. Diss., 1988, bs. S. 165–234; Johannes Wertheim: Unsere „Rote
Fahne“. Anläßlich des Beginnes des 10. Jahrganges. In: Die Rote Fahne [fortan RF]
(1.1.1927), S. 3
7 Paul Brand [d.i. Emanuel Bruck]: Das schwierige Feuilleton. In: RF [Berlin]
(11.2.1932), S. 11; vgl. dazu: Manfred Brauneck: Die rote Fahne. Kritik, Theorie,
Feuilleton 1918–1933. München: Fink 1973, S.
29–32.
8 Schiller, Parteipflicht, S. 5.
9 N.N.: Leitsätze für die Presse. In: Die soziale Revolution (15.2.1919), S. 3.
10 N.N.: An unsere Parteigenossen! In: RF (9.10.1924), S. 1.
11 N.N.: Thesen zur politischen Lage und zur Bolschewisierung der Partei. In: RF
(5.7.1925), S. 8.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur