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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 391
Fahne16 und nahm sich fortan in Erzählungen und Reportagen vorrangig dem
Russland der Gegenwart an. Am 10. Februar 1929 erschien ein Bericht aus der
1924 in Bolschewo nahe Moskau als pädagogisches Vorzeigeprojekt gegründe-
ten Ersten Arbeitskommune der OGPU für jugendliche Straftäter, die wieder-
holt in den Fokus des deutschsprachigen Feuilletons geriet.17
Körber folgt dabei den Spuren eines prominenten Besuchers: Der Name des
französischen Schriftstellers und Pazifisten Henri Barbusse findet sich als letz-
ter Eintrag im Gästebuch der Einrichtung, die, so Barbusse, „durch Arbeit und
freundschaftliche Behandlung gesellschaftsfeindliche Elemente der Gemein-
schaft wieder einzuverleiben“ versucht. Körber absolviert die Führung gemein-
sam mit einem betont kritischen französischen Journalisten, der sich letzten
Endes vom Glanz der „blanken nagelneuen Maschinen“ und der vielfältigen Kul-
turarbeit überzeugen lässt und einen positiven Bericht „im Sinne von Henri Bar-
busse“ ankündigt. „Glauben Sie, daß man mich für einen Kommunisten hält?“18
1929 schlug Körber revolutionäre Töne an. Mit dem lyrischen Aufruf der
SPOe. an die Wiener Arbeiterschaft, der eine Woche nach der Veröffentlichung in
Wien auch in der Berliner Roten Fahne abgedruckt wurde, grenzte sie sich ent-
schieden – wenn auch nur vorübergehend – von der Sozialdemokratie ab.19 Im
16 Nahezu wortident, jedoch unter dem Titel Der rote Mitjka war die Erzählung bereits
am 12.
Februar
1928 in der Arbeiter-Zeitung (S.
18) erschienen. Im Nachdruck deutli-
cher wurde der Hinweis auf Lenin:
Wies Körber zunächst nur auf „Iljitsch“ und dessen
revolutionäre Überlegungen „irgendwo bei den Deutschen“ hin, spricht die Fassung
in der Roten Fahne deutlicher von „Wladimir Iljitsch“; vgl. Lili Körber: Liebesstreik
um Mitjka. In:
RF (1.5.1928), S.
12. Leicht gekürzt erschien der Text neuerlich als:
Der
Ehestreik. Eine Bauerngeschichte. In: RF (12.1.1930), S. 5.
17 Vgl. Thomas Möbius: Russische Sozialutopien von Peter I. bis Stalin. Historische
Konstellationen und Bezüge. Berlin: LIT 2015, S. 453–461.
18 Lili Körber: Rechtsverletzer. Aus Sowjetgefängnissen. In: RF (10.2.1929), S. 5f.,
zit. S. 6.
19 Körber, die 1932 wieder Beiträge im Feuilleton der Arbeiter-Zeitung veröffentlichen
und 1933 der Vereinigung Sozialistischer Schriftsteller Österreichs angehören sollte,
kritisierte in Zeiten der Militarisierung der politischen Auseinandersetzung die pas-
sive Haltung der Sozialdemokratie. „O, Prolet! Wenn die Heimwehren marschieren,/
Zuck’ die Achseln und gehe spazieren,/Zieh’ hinaus in den Wiener Wald./[…]Und
vor allem: hör’ nicht auf die Parolen,/Die euch Moskau verkündet hat./Willst du
Beulen und Kerker dir holen?/Kommt die Heimwehr
– dann zeig’ ihr die Sohlen,/Sei
ein echter Sozialdemokrat.“ (Dies.: Aufruf der SPOe. an die Wiener Arbeiterschaft.
In: RF (17.11.1929), S. 2, bzw. in: RF [Berlin] (23.11.1929), Beilage.)
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur