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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 395
Woher sich Maiers Russland-Narrative speisen – ob aus Mythen und Erzäh-
lungen von Parteigängern, ob aus Lektüren und Begegnungen –, ist ungewiss.
Nachgewiesen ist einzig eine Reise nach Charkow, bis 1934 Hauptstadt der
Ukraine. Dort nahm Maier mit einer Abordnung des 1930 um Ernst Fabri
gegründeten Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs
(BPRSÖ) am zweiten Kongress der Internationalen Vereinigung Revolutionärer
Schriftsteller (IVRS) teil. Neben Fabri und Maier gehörten auch Franz Janiczek,
der im selben Jahr mit der Justizpalastbrand-Erzählung Der 15. Juli in der Etappe
in der Berliner Linkskurve ein Preisausschreiben gewonnen hatte,30 und Körber,
im Gründungsjahr Schriftführerin des BPRSÖ, der Delegation an.31
Maier veröffentlichte dazu in der Roten Fahne einen zweiteiligen Bericht, der
von der großen Aufregung zeugt, den sowjetischen Genossen, den „Towarischi“,
im Rahmen der Ende Oktober 1930 unternommenen Reise in ihrer Heimat zu
begegnen. Als die finanziellen Mittel für Zugtickets im diktatorisch regierten
Polen ausgehen und die Reise bereits auf der Hinfahrt zu platzen droht, springen
andere Passagiere ein: Getarnt als Redakteur der Neuen Freien Presse erreicht
Fabri die Unterstützung durch einen „mitfahrenden jüdischen Bourgeois“, und
Körber gelingt es, bei einem persischen Studenten „einen kleinen netten Pump
durchzuführen“.32 Obwohl es mittlerweile „stockfinster“ ist, steht der erstmalig
Russlandreisende „am Kupeefenster, fest das Gesicht an die Scheibe gepreßt“.
Dann, als der Zug die Grenze überquert,
da gab es kein Halten mehr. „Hoch Sowjetrußland!“, „Rot Front!“, „Es lebe die Welt-
revolution!“ In wilder Begeisterung überschrie einer den andern. Ich bin schon ein alter
Kerl, ziemlich abgebrüht gegen Phrasen und Gefühlsduselei, aber es gab wenig Erleb-
nisse in meinem Leben, die so mein Innerstes aufwühlten, wie diese Episode des Gren-
züberschritts aus dem faschistischen Polen ins rote Rußland. […] Wir fühlten, hier war
endlich unser Vaterland, Sowjetrußland: die große, herrliche Mutter aller Armen und
Bedrückten.33
Noch ehe die österreichische Delegation das florierende Moskau („Not in Mos-
kau? Das Brot liegt zu Häuschen aufgeschlichtet auf den Tischen.“) erreicht,
rekapituliert Maier die Jahre des russischen Bürgerkrieges, der proletarischen
Not, der kommunistischen Revolution: „Und nun ist diese unermeßlich weite
30 Vgl. Franz Janiczek:
Der 15. Juli in der Etappe. In:
Die Linkskurve, H.
7/1930, S.
10f.,
neuerlich in: RF (13.7.1930), S. 6.
31 Vgl. Gerald Musger:
Der „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Öster-
reichs“ (1930–1934). Eine Dokumentation. Graz, Phil. Diss., 1977, S. 62.
32 Hans Maier: Unsere Reise ins Land der Towarischi. In: RF (28.12.1930), S. 5.
33 Ders.: Unsere Reise ins Land der Towarischi. In: RF (4.1.1931), S.
7.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur