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Martin
Erian398
stets eine ‚eigene Meinung‘ zu haben“.43 Doch diese wandelt sich im Laufe der
Reise, Krause entwickelt Bewunderung für die politische Teilhabe des Proleta-
riats. „[H]ier wissen die Leute, wofür sie die Hand aufheben. […] Das ist doch
schließlich, was wir Sozialisten anstreben.“44 Krause erkennt ähnlich wie Bruno
Frei, der 1929 von der UdSSR als „Vorzimmer der sozialistischen Gesellschaft“45
spricht, die dortige Lage als „Schnittpunkt zwischen dem Gestern und dem Mor-
gen“46 und skizziert neue, große Perspektiven. Einzig der Drang, nach der per-
sönlichen Läuterung politische Überzeugungsarbeit leisten zu wollen, zieht ihn
zurück nach Deutschland.
Von der Kritik breiter rezipiert wurde Julius Haydus von den Fortschritten
des Fünfjahresplans berichtendes Buch Rußland 1932. Die Russlandreise des
BPRSÖ-Mitglieds im November 1931 wurde nicht nur von der VOKS unter-
stützt, Haydu stand auch in Kontakt mit der 1929 gegründeten staatlichen Reise-
agentur Intourist, die Anfang der 1930er Jahre mehrere Wiener Dependancen
besaß und mit Inseraten für Aufsehen sorgte.47 In seinem Bericht nimmt Haydu
auf den wirtschaftlich begünstigten kulturellen Wandel hin zur Idee des Neuen
43 Ebd., S. 20. In der Roten Fahne wurden in der Besprechung von Rubiners Buch die
„eingestreuten knappen und sachlichen Auseinandersetzungen“ der beiden Reisenden
besonders hervorgehoben (vgl. N.N.: Ein neues Rußlandbuch. Frida Rubiner: „Der
große Strom“. In: RF (10.5.1931), S. 5). Die Strategie des dialogischen Erschließens
der Sowjetrealität wandte Rubiner bereits in der Broschüre Der Arbeiter als Herr im
Staate. Ein Gespräch über die Sowjet-Union an, die zwischen 27. August und 2. Sep-
tember 1927 in der Roten Fahne abgedruckt worden war.
44 Rubiner, Strom, S. 264.
45 Bruno Frei:
Im Lande der roten Macht. Ein sowjetischer Bilderbogen. Berlin:
Neuer
Deutscher Verlag 1929, S. 95.
46 Rubiner, Strom, S. 313f.
47 Vgl. N.N.:
Frühjahrsreisen in die Sowjetunion. In:
Arbeiter-Zeitung (19.4.1931), S.
10.
In Reaktion auf diese Einschaltung für Reisen zu den Maifeierlichkeiten in Moskau,
Leningrad, Kiew und Odessa erschien ein Beschluss des SDAP-Parteivorstandes,
der Parteimitgliedern die Teilnahme an derlei Reisen als „Bruch der internationalen
Solidarität“ (Arbeiter-Zeitung (21.4.1931), S.
4) verbot. Die Rote Fahne titelte darauf-
hin: „Die Arbeiter sollen den Aufbau des Sozialismus nicht sehen“ (RF (22.4.1931),
S.
1); zur Intourist vgl. Alexander Vatlin:
„Die Karausche im Rahm“
– Österreichbilder
in der sowjetischen Propaganda. In: Moritz, Gegenwelten, S. 309–346, hier S. 337;
Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Rußland
1921–1941. Münster–Hamburg–London:
LIT 2003 (= Arbeiten zur Geschichte Ost-
europas, Bd.
11), S.
33–49.; N.N.:
Die Sowjetunion als neues Reiseland. Das Berliner
Sowjetbüro „Intourist“. In:
RF (26.9.1930), S.
3; N.N.:
Erste „Intourist“-Arbeiterreise
nach Sowjet-Rußland 1932. In: RF (3.6.1932), S. 4.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur