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Martin
Erian400
Herleitungen mit episodenhaftem Erzählen von der Fahrt mit dem Eisbrecher
Krassin vereint, wurde in der Roten Fahne als Steigerung des „Reisebericht[s]
zu einer revolutionären Schrift“54 gehuldigt, bekannte sich Heller doch im Vor-
wort zum Glauben an die proletarische Weltrevolution und sah dabei Sibirien als
„den Feuerkessel […] des Werdens einer neuen Welt“.55 Auch wenn Karl Hans
Sailer als Rezensent der Bildungsarbeit „Kritiklosigkeit“ und „parteimäßige Lob-
rednerei“56 monierte, blickte Heller bei seinem Versuch, „den Märchenvorhang
von diesem Land und seinen Menschen“57 fortzuziehen, zumindest vordergrün-
dig differenziert auf die habituelle Konstitution der Bewohner und die fragliche
Realisierbarkeit wirtschaftlicher Großprojekte.58 Die im Buch dokumentierten
Gespräche mit Wissenschaftlern, Arbeitern und nach Sibirien Verbannten erho-
ben das Werk zum, wie die Vorarlberger Wacht schrieb, „Reisebuch von größtem
politischen Wert“,59 obgleich die in der Roten Fahne abgedruckten Auszüge vor
allem historische Entwicklungen und ethnische Besonderheiten des Gebiets in
den Vordergrund rückten. Dies führte Heller in der deutlich breiter rezipier-
ten Schrift Der Untergang des Judentums fort, die an Marx anknüpfend „nicht
nur die Darlegung der proletarisch-revolutionären Auffassung der Judenfrage,
sondern auch die Schilderung ihrer Lösung durch die proletarische Diktatur“60
anbieten wollte und für die er im Sommer 1930 erneut nach Sibirien, das „heute
noch fast menschenleere Zukunftsland der Juden der Sowjetunion“,61 reiste.
54 N.N.: Sibirien, ein anderes Amerika. Der Bericht einer „Krassin“-Fahrt ins Eismeer.
In: RF (23.3.1930), S. 4.
55 Otto Heller:
Sibirien, ein anderes Amerika. Berlin:
Neuer Deutscher Verlag 1930, S.
9.
56 Karl Hans Sailer:
Otto Heller:
Sibirien, ein anderes Amerika. In:
Die Arbeiterbücherei.
Beilage zur Bildungsarbeit, Nr.
6/1930, S.
63. Ähnlich äußerte sich Otto Koenig, der
Heller propagandistische Schilderungen vorwarf, bei denen „ein Eifer der Darlegung
[…] Mängel, Gebrechen, Fehler verteidigen oder übertonen soll“ (Otto Koenig:
Sibi-
rien. In:
Arbeiter-Zeitung (24.6.1930), S. 5).
57 Heller, Sibirien, S. 10.
58 Vgl. z.B.:
Ders.:
Port Igarka. Der Hafen der großen Hoffnung. In:
RF (27.10.1929), S.
8.
59 N.N.: Sibirien, ein anderes Amerika. In: Vorarlberger Wacht (3.5.1930), S. 7.
60 Otto Heller:
Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage. Ihre Kritik. Ihre Lösung
durch den Sozialismus. Wien–Berlin:
Verlag für Literatur und Politik 1931, S.
7. Vgl.
dazu: Bruno Frei: Der Untergang des Judentums. In: Die Weltbühne, H. 1/1932,
S. 14–17; A.N.: „Der Untergang des Judentums“. Otto Hellers Buch. In: RF [Berlin]
(6.2.1932), S.
10; Eva Reichmann-Jungmann:
„Der Untergang des Judentums“. In:
Der
Morgen, H. 1/1932, S. 64–72.
61 Otto Heller:
Der Weg zum Stillen Ozean. In:
RF (5.10.1930), S.
5. Zu Birobidjan vgl.
auch: Ders., Sibirien, S. 330–374.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur