Seite - 401 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Bild der Seite - 401 -
Text der Seite - 401 -
Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 401
3 Russische Realitäten – sowjetisch-proletarische Alltagskultur
als Vergleichsfolie
Obgleich Heller den Fokus mittels Lokalaugenscheinen auf Industrialisierungs-
prozesse und potenzielle ethnische Konfliktlagen in der Peripherie legte, pub-
lizierte er 1931 auch ein Feuilleton mit dem Titel „Moskauer Wochenende“. Es
thematisiert die veränderte Alltags- und Freizeitkultur der auf eine „rationellere
Ausnützung der Erholungsstätten“62 abzielenden sowjetischen Fünftagewoche,
die, den Worten Stalins folgend, eher dem Prinzip der „amerikanischen Sach-
lichkeit“63 als des russischen revolutionären Schwungs folgt, ohne darin einen
Mangel zu erkennen. Berichte über die Entwicklungen im Kultur- und Bildungs-
wesen und in der Justiz, das Zurückdrängen der Kirche und verbesserte Arbeits-
bedingungen waren seit den frühen 1920er Jahren regelmäßig erschienen,64 das
Spektrum an Reisenden weitete sich zusehends aus: Nicht mehr nur Forscher,
Publizisten und politische Eliten bereisten die Sowjetunion, sondern immer
häufiger auch Proletarier. 1926 berichtete erstmals eine österreichische Arbeiter-
delegation aus Russland,65 und im Berliner Verlag Die Einheit gelangte die Bro-
schüre Im Lande der befreiten Arbeiter und Bauern zur Veröffentlichung. Zwei
Jahre später reiste eine Gruppe von Arbeiterkorrespondenten – noch vor einer
62 Ders.: Moskauer Wochenende. In: RF (7.5.1931), S.
7.
63 Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der Swerdlow-
Universität. In: Ders.: Werke. Bd. 6. Berlin: Dietz 1952, S. 62–166, zit. S. 164.
64 Vgl. z.B. H.W. [d.i. Hilde Wertheim?]: Wie die Kinder in Sowjetrußland leben. Der
Besuch einer Schule. In: RF (8.9.1921), S. 3; Richard Schüller: „Tod den Göttern!“
Weihnachten in Moskau. In: RF (23.1.1923), S. 2f.; Franz Koritschoner: Die Kirche.
In: RF (23.8.1923), S. 2; Egon Schönhof: Straf-, Justiz- und Gefängniswesen in der
Sowjetunion. In:
RF (4.12.1927), S.
5f.; N.N.:
„Rote Rosa“. Bericht eines Russlandde-
legierten. In:
RF (11.12.1927), S.
6; Franz Janiczek:
Fahrt in die deutsche Wolgarepu-
blik. In:
RF (5.3.1931), S.
7f.; Ernst Fabri:
Der große Abbau in der Sowjetunion. In:
RF
(25.12.1931), S.
10; Erwin Baumer:
Sowjetdemokratie. „Auf neue Art demokratisch,
auf neue Art diktatorisch“. In: RF (6.11.1932), S. 10. Als seltenes Beispiel eines kul-
turpolitischen Essays Wiener Provenienz sei ein Beitrag des 1926 aus der Partei aus-
getretenen Kurt Landau angeführt, der das bürgerliche Theater des Westens mit dem
russischen kontrastiert, das das Schauspiel „von der isolierten Bühne in die lebendige
Wirklichkeit der Straße“ verlege und gezielt auf ein proletarisches Publikum abziele
(Kurt Landau: Kultur- und Klassenkampf. Moskau und Wien. In: RF (27.2.1925),
S. 4f.).
65 Vgl. N.N.:
Die Kulturarbeit in der Sowjetunion. Originalberichte der österreichischen
Arbeiterdelegation. In:
RF (16.5.1926), S.
5; N.N.:
Was sah die Arbeiterdelegation in
Sowjetrussland? In: RF (7.11.1926), S. 4.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur