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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 403
Die Auseinandersetzung mit Russland nutzte demnach im Lichte des ultra-
linken Kurses der KPÖ ab 192770 der Abgrenzung von der Sozialdemokratie.
Proletarische Reiseberichte, die von der Arbeiter-Zeitung angeblich abgelehnt
wurden, spielten der Redaktion der Roten Fahne dabei in die Karten. So habe
ein Arbeiter ohne Erfolg versucht, seinen Genossen
– einmal mehr
– die „Wahr-
heit über die Sowjetunion“71 darzulegen, um damit Berichten über Hungersnöte
und Rückständigkeit entgegenzutreten. Ein anderer wiederum möchte gegen
wiederholt abgedruckte „Unwahrheiten“ anschreiben, die den sozialdemokrati-
schen Arbeitern von den die Zeitungen mit Argusaugen überwachenden „Bon-
zen“72 vorgelegt würden. Die kontinuierliche Kritik an der distanzierten Haltung
der Arbeiter-Zeitung zur Sowjetunion erhielt vor den Gemeinderatswahlen
1932 eine neue Tragweite, sollte im Wahlkampf doch das Russland im Aufbau
als Alternative zum Roten Wien der Großen Depression als Trumpf der KPÖ
fungieren. Im Hamburger KP-Verlag Hoym wurde die Broschüre Wien – Mos-
kau. Zwei Städte
– zwei Welten abgedruckt, worauf die Wiener Sozialdemokratie
mit dem dünnen Heftchen Wien und Moskau reagierte.73 Die Tagespresse führte
den Vergleich fort: Wien wurde dabei von den Sozialdemokraten als „bolsche-
wistisches Bollwerk“ und „einzige Millionenstadt inmitten der Welt des Kapi-
talismus, in der die rote Fahne des Sozialismus weht“,74 präsentiert, während in
Moskau der soziale Wohnbau den Bedürfnissen weit hinterherhinke. Die Rote
Fahne konterte
– wenig überraschend
– mit Spott und Hohn:
„Ein aussichtsloser
Versuch. […] Wien geht nieder, Moskau blüht auf. […] Es ist schon begreiflich,
wenn die Wiener Sozialdemokraten mit einer Flut von Lügen und Verdrehungen
das Gespenst des roten Moskau bannen wollen, das ihnen ihr Todesurteil aus-
spricht.“75 Bei der Wahl Ende April 1932 erreichte die KPÖ ihr bestes Ergebnis
in Wien in der Zwischenkriegszeit: 1,9 % der Stimmen.76 Es ließe sich 1932/33
70 Vgl. Loughlin, Partei, 260–269.
71 Franz Lauschmann:
Was die „A.–Z.“ verschweigt. Brief eines österreichischen Sozial-
demokraten aus der Sowjetunion. In: RF (13.12.1930), S.
3.
72 R.A.:
Brief aus der Sowjetunion. Reisebericht eines österreichischen Arbeiters. In:
RF
(7.9.1930), S. 6.
73 Emil Huk (Hg.): Wien – Moskau. Zwei Städte – zwei Welten. Hamburg u.a.: Hoym
1932; Sozialdemokratische Partei Wiens (Hg.): Wien und Moskau. Wien: Wiener
Volksbuchhandlung 1932.
74 N.N.: In Moskau und in Wien. In: Arbeiter-Zeitung (16.4.1932), S. 2.
75 N.N.: Wien oder Moskau. Eine Antwort an die Rothschild-Sozialisten. In: RF
(19.4.1932), S. 4.
76 Steiner, Kommunistische Partei, S. 322.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur