Seite - 406 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Bild der Seite - 406 -
Text der Seite - 406 -
Natalia
Blum-Barth406
insbesondere bei einer tendenziell (katholisch-)konservativen Leserschaft: Dass
sich Ehen im Sturm als Fortsetzung zu Studenten, Liebe, Tscheka und Tod, dem
ersten Teil der Trilogie, „stärkster Nachfrage“3 erfreue, war im Dezember 1932
etwa in der Wiener Tageszeitung Reichspost zu lesen. In der Zeitschrift Schönere
Zukunft kam Ferdinand Pawlikowski, Fürstbischof von (Graz-)Seckau, in einer
Annonce mit folgender Empfehlung für dieses „Tagebuch einer russischen Stu-
dentin“ zu Wort:
Eine ähnliche lebenswahre und fürchterliche Schilderung des wahren Gesichts der Sow-
jetdiktatoren ist mir noch nicht untergekommen. […] Wer aus bürgerlichen Kreisen
noch nicht ahnt, wie Sozialismus in seiner reinsten Kultur, im Kommunismus und Bol-
schewismus, hinführen, der greife nach diesem Buche.4
Bei der Vermarktung von Rachmanowas Büchern, insbesondere des ersten
Bandes, betonte der Verlag Tyrolia mit Nachdruck, dass es sich um Tagebuch-
aufzeichnungen handle:
„Alle drei Bände wurden vom Verlag als ‚russische Ori-
ginaltagebücher‘ beworben und auch die Autorin selbst erhob wiederholt den
Wahrheitsanspruch.“5 Somit wurde die Rezeption von Rachmanowas Büchern
als historische Zeugnisse bewusst gesteuert, wohl auch aus verlegerischem Kal-
kül: Das Tagebuch6 als Textsorte war damals sehr populär, und das Pochen auf
Authentizität half – was auch andere Russland-Tagebücher7 der Zeit belegen –
den Verkauf anzukurbeln.
3 N.N.:
Man schenkt wieder Bücher. Aus einer Umfrage bei Wiener Buchhandlungen.
In: Reichspost (18.12.1932), S. 12.
4 Zit. bei:
N.N.:
[Annonce, o.T.]. In:
Schönere Zukunft, Nr.
23/1931, o.S. [Beilage]. Für
den Hinweis auf dieses Rezeptionsdokument danke ich Primus-Heinz Kucher.
5 Ilse Stahr:
Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring. Alja Rachmanowa. Ein Leben.
Wien: Amalthea Signum Verlag 2012, S. 13.
6 Es sei darauf hingewiesen, dass die Vielfalt der Formen des Tagebuches zur schwam-
migen Vorstellung über diese Textsorte beiträgt. Die Formen schwanken von hin-
geworfenen Kurznotizen oder Rohmaterial für eine geplante Autobiographie, das
nur als Gedächtnisstütze dienen soll, über anekdotische Betrachtungen und Ereig-
nis-Tagebücher zu kürzeren Zeitspannen (Kriegs-, Reise-, Bord-Tagebuch) bis hin
zur essayistischen Meinungs- und Gewissenserforschung. Darüber hinaus zeichnet
sich das Tagebuch durch hohe Subjektivität, Unausgewogenheit und Aufeinanderbe-
zogenheit aus und kann nur bedingt als historisches Dokument betrachtet werden.
Es enthält persönliche Aufzeichnungen der erlebten Ereignisse und dient der Selbst-
vergewisserung des Schreibers (vgl. Gero von Wilpert:
Sachwörterbuch der Literatur.
Stuttgart: Alfred Kröner 2001, S. 808).
7 Hingewiesen sei beispielsweise auf Lili Körbers „Tagebuch-Roman“ Eine Frau erlebt
den roten Alltag (1932); vgl. dazu den Beitrag von Walter Fähnders.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur