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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 407
Mittlerweile ist der dokumentarische Charakter der Tagebuchaufzeichnungen
von Alja Rachmanowa relativiert, ja dementiert worden. Der Schweizer Slawist
Heinrich Riggenbach, der die Tagebücher aus den Jahren 1942–1945 übersetzt
hat,8 verortet diese klar im Bereich des Literarischen: „Wenn man das jetzt hart
ausdrücken wollte, könnte man vielleicht sagen, die von Alja Rachmanowa selbst
veröffentlichten Tagebücher sind Pseudo-Tagebücher. Sie sind Literatur.“9 Was
als „Entzauberung“10 von Alja Rachmanowa präsentiert wird, kommt aber ihrer
Aufwertung als Schriftstellerin gleich, obwohl hier ein komplizierter Fall kollek-
tiver Autorschaft vorliegt: Arnulf von Hoyer hat die Tagebücher aus dem Russi-
schen ins Deutsche übertragen, und auch der im Verlagswesen tätige Karl Maria
Stepan scheint Anteil an der Textgenese gehabt zu haben. Er war gemeinsam
mit von Hoyer in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und hatte ihm 1930
vorgeschlagen, ein Buch darüber zu schreiben. Bei dieser Gelegenheit brachte
von Hoyer die Tagebücher seiner Frau ins Gespräch, Stepan war von der Idee
gleich begeistert und setzte sich für die Veröffentlichung der Tagebücher ein,
unter anderem auch durch die Vermittlung an Otto Müller und den Anton Pus-
tet Verlag.11
Die im Nachlass der Autorin erhaltenen russischen Typoskriptseiten lassen
die Behauptung zu, dass es sich lediglich um Notizen und Entwürfe handelte,
an denen weder stilistisch noch sprachlich gefeilt wurde. Erst als der Ver-
lag das Interesse an diesem Material signalisierte, überarbeitete Rachmanowa
ihre Aufzeichnungen, worauf die in den Typoskripten enthaltenen alternativen
Formulierungen und deutschen Wörter12 schließen lassen. Die Übersetzung
durch Arnulf von Hoyer war keine konventionelle Arbeit eines Übersetzers
mit einem Text, sondern vielmehr mit der Autorin, die weitere Änderungen,
Ergänzungen, Umstellungen des russischen Rohmaterials vornahm. Es war ein
8 Vgl. Alja Rachmanowa: Auch im Schnee und Nebel ist Salzburg schön. Tagebücher
1942 bis 1945. Übersetzt und herausgegeben von Heinrich Riggenbach. Salzburg:
Otto
Müller Verlag 2015.
9 Florian Felix Weyh: Die Entzauberung der Alja Rachmanowa. Online unter: http://
www.deutschlandradiokultur.de/russische-schriftstellerin-die-entzauberung-der-
alja.1270.de.html?dram:article_id=323080 (letzter Zugriff: 31.08.2016).
10 Ebd.
11 Vgl. Stahr, Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring, S. 99f.
12 Nachlass von Alja Rachmanowa in der Kantonsbibliothek Thurgau, Signatur RACH
A-1-C-1, ohne Seitenangabe. Neben dem Nomen „Geschäft“, das mehrmals in diesem
Typoskript vorkommt, finden sich auch weitere deutsche Wörter, z.B. in: „Ah, imet
unehelichnago rebenka takoje mucen’je!“, oder „Ottmar sdal swoi poslednii Bürger-
owskii ekzamen s Auszeichnunhom.“
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur