Seite - 408 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Natalia
Blum-Barth408
gemeinschaftliches Werk, an dem sich auch das Lektorat des Verlages beteiligt
haben muss. Der deutsche Text kann somit als das angestrebte literarische Ori-
ginal gelten, während die russischen Aufzeichnungen lediglich eine Grundlage
für diesen geliefert haben. Der Authentizitätsanspruch war jedoch nicht nur eine
Vermarktungsstrategie, sondern Rachmanowa empfand ihre Schilderungen als
Wahrheit, berichtete sie doch aus ihrem Leben, auch wenn einiges subjektiv und
unausgewogen erscheinen mag.
In der Zwischenkriegszeit sind auffallend viele Bücher über Russland erschie-
nen, die sich gemäß ihrer Intention bis auf wenige Ausnahmen zwei verschiede-
nen Grundhaltungen zuordnen lassen.13 Während die einen den Kommunismus
beziehungsweise die Entwicklungen in der Sowjetunion euphorisch und oftmals
auch unreflektiert verherrlichen, prangern die anderen den Roten Terror an und
beklagen Enteignung und Kollektivierung. Rachmanowas Bücher gehören ein-
deutig der zweiten Tendenz an. Nicht umsonst wurden sie zur Zeit des National-
sozialismus für antibolschewistische Propaganda in den Dienst genommen. So
wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – ohne Wissen der Autorin – eine
anonyme Raubübersetzung ins Russische verfasst, um 1943 in den besetzten
Gebieten der Sowjetunion als antisowjetisches Propagandamaterial eingesetzt
zu werden.14 Riggenbach und Marti bringen weitere Beispiele dafür, wie Rach-
manowas Texte
– unter anderem ein Kapitel aus dem Buch Die Fabrik des neuen
Menschen (1935), das von der Pariser Académie d’éducation et d’entr’aide socia-
les 1936 als bester antibolschewistischer Roman ausgezeichnet wurde
– von den
Nationalsozialisten als Stimmungsmacher gegen die Sowjetunion verbreitet
wurden.15
Rachmanowas Büchern kann in der Tat eine politische Tendenz und eine
klare antibolschewistische Haltung bescheinigt werden. Die Autorin hat sich als
Oppositionelle, die gegen den großen Feind ankämpft und in ihrer Überzeugung
unbeugsam ist, inszeniert. Nicht umsonst ist dem Buch Studenten, Liebe, Tscheka
und Tod als Epigraph ein Zitat von Awwakum Petrow vorangestellt: „Du magst
13 Simon Huber verzeichnet elf Russlandbücher
– es dürften vermutlich mehr gewesen
sein – in seiner Studie (vgl. Simon Huber: Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und
USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Moderne-Diskurs.
Bielefeld: Aisthesis 2014, S. 244f.).
14 Vgl. Heinrich Riggenbach/Roland Marti:
На книге стоит „Александра Рахманова“,
но это не моя книга. Eine Raubübersetzung und ihre Kritik. In: Patrick Sériot
(Hg.):
Schweizerische Beiträge zum XIV. Internationalen Slavistenkongress in Ohrid,
September 2008. Frankfurt u.a.: Peter Lang 2008, S. 197–213, hier S. 198.
15 Vgl. ebd., S. 199.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur