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Natalia
Blum-Barth410
Verfolgungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Verhaftungen und Erschie-
ßungen der Bourgeoisie – schildert die Autorin anschaulich und eindringlich.
Als ob Rachmanowa sich zum Ziel gesetzt hätte, den Sog der Gewalt zu stu-
dieren, fokussiert sie in ihren Büchern das unfassbar gewalttätige Handeln der
Masse. Was in der Geschichtsschreibung bislang kaum hinreichend untersucht
worden ist,19 und zwar die Ausgangspunkte für die Entstehung von Gewalt und
deren Instrumentalisierung durch das System, beschreibt Rachmanowa als
menschliches Drama anhand konkreter Schicksale. Während der Terror jener
Jahre in vielen Studien20 untersucht worden ist, ist die Gewalt darin weitgehend
unberücksichtigt geblieben. Stefan Plaggenborg gehört zu den wenigen Histori-
kern, die versuchen, Gewalt im Stalinismus als historisch bedingt und herleitbar
zu beschreiben und den Dispositionen zur Entstehung und Legitimation von
Gewalt nachzuspüren.21
Ein in Gewalt versinkendes Russland ist auch das zentrale Bild, das Rachma-
nowa in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod entwirft. Die erzählte Zeit beträgt vier
Jahre: vom September 1916 bis zum September 1920. Am Beispiel einer Arzt-
familie wird die ganze Brutalität des neuen Regimes beschrieben. Die sechzehn-
jährige Ich-Erzählerin Alja berichtet stellenweise Banales aus ihrer Kindheit,
erinnert sich an Feiertage bei ihren Großeltern, schildert ihre Erlebnisse an der
Universität und weiht den Leser in ihre Gedanken und Gefühle ein. Gleichzeitig
werden die täglichen Ängste spürbar, die mit dem fortschreitenden Verfall staat-
licher und sozialer Strukturen einhergehen. Zügellosigkeit, Willkür und Anar-
chie führen zum Wegfall moralischer und gesetzlicher Schranken und kündigen
den Großen Terror an. In mitunter kruden Bildern schildert Alja das durch die
Revolution ausgebrochene Chaos und die Zerstörung:
19 Vgl. Stefan Plaggenborg: Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte.
In:
Manfred Hildermeier (Hg.):
Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege
der Forschung. München:
R. Oldenbourg Verlag 1998, S. 193–209, hier S. 193–196.
20 Vgl. hierzu u.a.: Jörg Baberowski: Wandel und Terror. Die Sowjetunion unter Stalin
1928–1941. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 43 (1995), S. 97–129; Barry
McLoughlin/Kevin McDermott (Hgg.): Stalin’s Terror. High Politics and Mass
Repression in the Soviet Union. New York: Palgrave Macmillan 2013; Robert Con-
quest: Der große Terror. Sowjetunion 1934–1938. München: Langen-Müller 1992;
Stefan Plaggenborg (Hg.):
Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte. Berlin:
Ver-
lag Spitz 1998.
21 Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S.
193f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur