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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 411 -
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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 411 Revolution heißt Blut, Rache und Zerstörung! Wir müssen jetzt alles zerstören, um dann erst eine neue Welt aufzubauen! [125]22 Und doch zerstörten sie nur, was andere im Schweiße ihres Angesichtes im Laufe von Jahr- zehnten geschaffen. Wenn die Maschinen wenigstens in gute Hände gefallen wären. Aber sie schleppten alles fort, einzig und allein von der Absicht geleitet, alles zu vernichten, alles zu zerstören; ihr einziges Ziel war, die verfluchte Burshuiwirtschaft vom Erdboden ver- schwinden zu lassen. [254] Dargestellt wird eine sinnlose Zerstörungswut, die die Täter ihre Macht spüren lässt, ihnen das Gefühl der Überlegenheit gibt, sie in Wirklichkeit aber zu Mitläu- fern und Mördern macht, was Rachmanowa auch durch Episoden mit Nebenfi- guren veranschaulicht:  „Stepan Petrowitsch Pugowkin fügt jetzt zu jedem Worte hinzu:  ‚Erschießen‘ oder ‚An die Wand stellen‘!“ [285] Das Leben eines Menschen ist nichts mehr wert. Revolution legitimiert und rechtfertigt das Töten. Als Marusja Bjeljajewas Mann aus Irrtum erschossen wird  – er ist mit einem Gleichnamigen verwechselt worden  –, meint ein Tschekist:  „Wo kämen wir denn da hin, wenn wir bei einem jeden noch auf den Vatersnamen achten würden! Übrigens, ’s ist ja sowieso ganz egal, Pjotr Stepanowitsch oder Pjotr Andreitsch Lebedjew!“ [284] Ganz gewöhnliche Menschen stürzen sich plötzlich wie Bestien auf ein hilfloses Kind, zerfleischen es, nur weil der Gymnasiast eine Kokarde getragen hat, wohl unwissend, dass auf einer Versammlung beschlossen worden ist, alle alten Kokar- den zu entfernen: Als die Soldaten den leblosen Körper weitertrugen, sah ich ihnen mit tiefstem Interesse ins Gesicht. Ich war sprachlos vor Staunen. Die gewöhnlichsten, gutmütigsten Gesichter der Welt blickten mir entgegen. Wo war denn jetzt die Bestie, die sie noch vor einer Minute besessen hatte, als sie den armen Leib des Kindes zerfleischten? [247] Beispiele dieser Art finden sich unzählige Male bei Rachmanowa. Sie sind der Ausdruck für die zur Normalität avancierte und durch die Revolution legitimierte Gewaltausübung, für die Plaggenborg folgende Erklärung bereitstellt: Der neue Staat, nach Lenin zum Absterben verurteilt, mußte die Gewalt monopolisie- ren, wenn er überleben wollte. An diesem Punkt schlug revolutionäre Gewalt in staat- liche Gewalt um:  Die Gewalt der Massen wurde die Gewalt im Namen der Massen. Von nun an galt die doppelsinnige Formel:  Alle Gewalt geht vom Staate aus. Zugleich wurde die Gewalt verrechtlicht und institutionalisiert. Die Geheimpolizei und die 22 Die in eckigen Klammern eingefügten Seitenangaben beziehen sich auf:  Alja Rach- manowa:  Studenten, Liebe, Tscheka und Tod. Tagebuch einer russischen Studentin. Salzburg:  Verlag Anton Pustet 1931.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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