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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 412 -
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Natalia Blum-Barth412 Revolutionstribunale stehen dafür. Revolutionäre Gewalt war verstaatlicht worden. Wer jetzt revoltierte, war Konterrevolutionär.23 Die künstlerische Manifestation der Gewaltausübung in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod gipfelt in der Konzeption der Figur Griselda Nikolajewna. Dass eine Frau im Namen des Bolschewismus zu einer Tötungsmaschine wird, zu einer krankhaft mordlustigen Sadistin, mochte die Leserschaft besonders erschüttert und schockiert haben. Laut im Nachlass der Autorin befindlichen Leserbriefen waren es vor allem Leserinnen, die sich dem emotionalen Sog des Geschilderten kaum entziehen konnten.24 Somit könnte Rachmanowas Konzeption der Frau- enfiguren zudem durch Konzessionen an die zu erwartende Leserzielgruppe motiviert gewesen sein. Dieses Verhältnis kann heute kaum zuverlässig geklärt werden, aber es liegt nahe zu vermuten, dass der Verlag gerade weibliches Publi- kum als Zielgruppe für Rachmanowas Bücher ansprach, alleine aus der Notwen- digkeit heraus, für ein weiteres Russlandbuch das Terrain aufzubereiten. 3 Frauenfiguren und Gewalt Rachmanowas Konzeption der Frauenfiguren in ihren Büchern verdient also besondere Betrachtung. Es sind immer außergewöhnliche Persönlichkeiten, die mal imponieren  – wie in Milchfrau von Ottakring etwa  –, mal schockieren, wie Griselda in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod. Anhand der Griselda-Figur kann Rachmanowa Willkür, Zerstörungswut, krankhafte Grausamkeit, perverse Bru- talität und stellenweise die Sinnlosigkeit der Revolution darstellen  – und damit negative Voreinstellungen den Bolschewiken gegenüber aufgreifen und bekräf- tigen. Die Wirkungsabsicht zielt darauf, diese Figur und ihre Zerstörungswut mit den Leitvokabeln ‚Revolution‘ und ‚Bolschewismus‘ gleichzusetzen. Gri- selda Nikolajewna ist dennoch eine der gelungensten Figuren in diesem Roman und könnte durch ihre Grausamkeit, radikale Andersartigkeit und ihr politi- sches Engagement kaum widersprüchlicher und tragischer sein. Zum einen ist sie selbst Opfer ihres gewalttätigen Mannes, den sie verlässt und flieht, um ihre Unabhängigkeit zurück zu erlangen. Zum anderen ist sie an Schizophrenie 23 Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S.  199. 24 Pars pro toto sei hier aus dem Brief der Kaiserin Hermine, Gattin des letzten deut- schen Kaisers Wilhelm II., zitiert:  „Ihr ergreifendes Buch verdient weiteste Verbrei- tung. Es ist ein erschütterndes Zeit- und gleichzeitig Seelengemälde, das mich auf’s Tiefste bewegt hat und da ich nach Kräften unter meinen Bekannten und Freun- den zirkulieren lasse.“ (Zit. bei:  Stahr, Das Geheimnis der Milchfrau von Ottakring, S.  233.)
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
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