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Natalia
Blum-Barth412
Revolutionstribunale stehen dafür. Revolutionäre Gewalt war verstaatlicht worden. Wer
jetzt revoltierte, war Konterrevolutionär.23
Die künstlerische Manifestation der Gewaltausübung in Studenten, Liebe, Tscheka
und Tod gipfelt in der Konzeption der Figur Griselda Nikolajewna. Dass eine
Frau im Namen des Bolschewismus zu einer Tötungsmaschine wird, zu einer
krankhaft mordlustigen Sadistin, mochte die Leserschaft besonders erschüttert
und schockiert haben. Laut im Nachlass der Autorin befindlichen Leserbriefen
waren es vor allem Leserinnen, die sich dem emotionalen Sog des Geschilderten
kaum entziehen konnten.24 Somit könnte Rachmanowas Konzeption der Frau-
enfiguren zudem durch Konzessionen an die zu erwartende Leserzielgruppe
motiviert gewesen sein. Dieses Verhältnis kann heute kaum zuverlässig geklärt
werden, aber es liegt nahe zu vermuten, dass der Verlag gerade weibliches Publi-
kum als Zielgruppe für Rachmanowas Bücher ansprach, alleine aus der Notwen-
digkeit heraus, für ein weiteres Russlandbuch das Terrain aufzubereiten.
3 Frauenfiguren und Gewalt
Rachmanowas Konzeption der Frauenfiguren in ihren Büchern verdient also
besondere Betrachtung. Es sind immer außergewöhnliche Persönlichkeiten, die
mal imponieren – wie in Milchfrau von Ottakring etwa –, mal schockieren, wie
Griselda in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod. Anhand der Griselda-Figur kann
Rachmanowa Willkür, Zerstörungswut, krankhafte Grausamkeit, perverse Bru-
talität und stellenweise die Sinnlosigkeit der Revolution darstellen – und damit
negative Voreinstellungen den Bolschewiken gegenüber aufgreifen und bekräf-
tigen. Die Wirkungsabsicht zielt darauf, diese Figur und ihre Zerstörungswut
mit den Leitvokabeln ‚Revolution‘ und ‚Bolschewismus‘ gleichzusetzen. Gri-
selda Nikolajewna ist dennoch eine der gelungensten Figuren in diesem Roman
und könnte durch ihre Grausamkeit, radikale Andersartigkeit und ihr politi-
sches Engagement kaum widersprüchlicher und tragischer sein. Zum einen
ist sie selbst Opfer ihres gewalttätigen Mannes, den sie verlässt und flieht, um
ihre Unabhängigkeit zurück zu erlangen. Zum anderen ist sie an Schizophrenie
23 Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S.
199.
24 Pars pro toto sei hier aus dem Brief der Kaiserin Hermine, Gattin des letzten deut-
schen Kaisers Wilhelm II., zitiert: „Ihr ergreifendes Buch verdient weiteste Verbrei-
tung. Es ist ein erschütterndes Zeit- und gleichzeitig Seelengemälde, das mich auf’s
Tiefste bewegt hat und da ich nach Kräften unter meinen Bekannten und Freun-
den zirkulieren lasse.“ (Zit. bei: Stahr, Das Geheimnis der Milchfrau von Ottakring,
S. 233.)
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur