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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 413
erkrankt, betrachtet dies aber als besondere Auszeichnung und hält sich allen in
allem überlegen.25
Der Leser begegnet Griselda gleich zu Beginn des Romans. Sie ist 22 Jahre
alt – deutlich älter als Alja, die Ich-Erzählerin und andere Erstsemester an der
Universität – und wird als „ein ganz eigenartiges Wesen“ und „sehr intelligent“
[33] beschrieben. Sie tritt selbstbewusst und emanzipiert auf, polarisiert, ja pro-
voziert, hinterfragt die bestehenden Normen und versucht, diese durch ihr poli-
tisches Engagement zu verändern. Das äußere Erscheinungsbild von Griselda
übt eine Faszination auf das Gegenüber aus:
So wie ihr Benehmen, hat auch ihr Aussehen etwas Merkwürdiges an sich. Sie hat große
Augen, die sie aber immer fast ganz geschlossen hält, was ihr ein müdes Aussehen gibt.
Ihr Gesicht ist eher häßlich als schön, aber so interessant, daß man sich kaum losrei-
ßen kann, wenn man beginnt, es näher zu betrachten. Sie macht den Eindruck eines
Menschen, der viel durchlebt und viel gefühlt hat. Sie spricht außerordentlich wenig.
Ebenso selten wie sie spricht, lacht sie, aber das Lachen paßt nicht zu ihr, es ist häßlich
und böse. Sie ist sehr blaß, sehr schmächtig, färbt sehr stark die Lippen und setzt starke
Ringe unter die Augen. [34]
Ihre Anziehungskraft wird durch den Eindruck, sie hätte „viel durchlebt und
viel gefühlt“, gesteigert. Mitgefühl, ja Mitleid soll das Gegenüber dieser in sich
gekehrten, sonderbaren Person entgegenbringen. Denn gerade ihr vordergrün-
diges Lächeln irritiert und kontrastiert mit ihrer krankhaften Erscheinung. Als
Griselda von ihrer Epilepsie spricht, relativiert sie die Last der Krankheit und
kann ihr sogar etwas Reizvolles abgewinnen; „es liegt auch etwas Schönes darin“,
und: „[I] ch finde im Leiden mehr Reiz als in der Freude“ [53].
Diese masochistische Disposition wird bald in Sadismus umschlagen. Sie
empfindet „eine tiefe Freude“ daran, anderen Schmerzen zuzufügen:
In den Büchern suche ich nur Beschreibungen von Qualen, von Foltern und von Mord.
Heute früh schlug ich meinen Foxterrier so, daß er fast tot war, und ich hatte eine unend-
liche Wollust daran! […] Ich habe immer so merkwürdige Träume. Ich schlage ein Kind,
oder ich träume, wie man ein Weib schlägt, und jeden Hieb höre ich ganz deutlich…
Und welche Freude, wenn Sie es nur wüßten, diese Schreie zu hören! Wissen Sie, was
ich möchte? Ich möchte in irgendein Kinderheim kommen oder in ein Waisenhaus, wo
niemand ist als die Kinder, ohne Schutz, so wie mein Foxterrier, und ich möchte sie dort
schlagen, eins heute, ein anderes morgen, und so immer fort! Das wäre ein Leben! [54]
25 Vgl. Natalia Shchyhlevska: Gender, Geschichte und Gewalt in der österreichischen
Literatur russischer Migrantinnen. In:
Aussiger Beiträge, Nr.
8/2014, S.
85–101, hier
S. 89f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur