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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 425
Aleksej Orlow, ihrem Liebhaber und Offizier der Kaiserlichen Garde, gegen
ihren Gatten und deckte dessen Ermordung.7
Als Großfürstin und Gemahlin von Peter III. war die Lage Katharinas zuvor
in vielfacher Hinsicht eine prekäre:
Auf der einen Seite stand ihre sie bevormun-
dende Mutter, auf der anderen Seite die absolutistisch regierende Kaiserin Elisa-
beth, Tante von Peter III., eine in der Zarinnen-Literatur oft als unberechenbar
beschriebene Gestalt, die jeden ihrer Schritte überwachte und Katharina von
den wichtigen Hofkreisen fernhielt.8 Zwischen diesen beiden schwierigen, wenig
sympathischen Charakteren gab es schließlich den an der gemeinsamen Bezie-
hung wenig interessierten, als intellektuell beschränkt geltenden Gemahl, der ihr
ohne Scham von seinen Liebesaffären berichtete, wie Katharina in ihren Erinne-
rungen festhielt.9
Ich sah Peter III. zum ersten Male im Jahre 1739, als er elf Jahre alt war […]. Bei dieser
Gelegenheit hörte ich im Familienkreise davon sprechen, daß der junge Herzog zum
Trunke neige […]. Er sei starrköpfig und jähzornig, liebe seine Umgebung […] sehr
wenig; im übrigen aber fehle es ihm nicht an Lebhaftigkeit, obgleich er ein kränkli-
ches und ungesundes Aussehen habe. Und in der Tat, er war sehr blaß, außerordentlich
mager und von schwächlicher Konstitution. Diesem Kinde wünschte seine Umgebung
das Ansehen eines fertigen Menschen zu geben, zu welchem Zwecke man ihn unauf-
hörlich belästigte und ihn unter einem Drucke hielt, der ihm jene Falschheit einpflanzen
mußte, die seitdem den Kern seines Charakters bildete.10
An Stanisław Poniatowski, dem späteren letzten Wahlkönig von Polen, mit dem
sie eine mehrjährige intime Beziehung unterhielt, schrieb Katharina schließ-
lich: „Peter III. hatte den wenigen Geist, den er besaß, völlig verloren. Er stieß
7 Ebd., S.
240f.
8 Zit. bei:
Casimiro Waliszewski:
Caterina II di Russia. Milano:
Dall’Oglio Editore 1958,
S. 9–18. Die Originalausgabe: Kazimierz K. Waliszewski: Autour d’un trône. Catha-
rine II de Russie, ses collaborateurs, ses amies, ses favoris (Paris, 1894), eine von der
Académie français ausgezeichnete Roman-Biografie, fand auch im deutschsprachigen
Raum Resonanz, wie eine ausführliche Besprechung in der Neuen Freien Presse vom
15.7.1894 (S.
1–4) dokumentiert. Ins Deutsche wurde sie von Lissy Rademacher über-
tragen und erschien 1928. Ob Gina Kaus diese Roman-Biographie gelesen hat, ließ
sich nicht eruieren.
9 Ebd., S. 148f. Mehr Verständnis für diese Herrscherfigur findet sich bei: Marc
Raeff: Peter III. In: Torke, Die russischen Zaren, S. 219–231.
10 Katharina die Große: Erinnerungen (wie FN 4). Zit. nach: http://gutenberg.
spiegel.de/buch/erinnerungen-der-kaiserin-katharina-ii-9530/3 (Letzter Zugriff:
20.12.2016).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur