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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 427
entlassen, als sie die Macht dazu besaß und ihre Möglichkeiten nutzen konnte.
Fast spielend lernte sie die russische Sprache16 und eignete sich rasch mehr als
nur unbedingt nötiges kulturelles Wissen und entsprechende Umgangsformen
an. Darüber hinaus hatte sie einen Drang nach Bildung und Lektüren, besaß
aber auch ein feines Sensorium für Stimmungslagen im Militär sowie in ver-
schiedenen Kreisen des russischen Volkes. Ihr politisches Ziel war die stärkere
Orientierung Russlands nach Europa, allerdings nicht, wie im Fall ihres Gatten,
am Preußenkönig Friedrich II. ausgerichtet. Aus diesem Grund erarbeitete sie
nach dem geglückten Staatsstreich und der Absetzung ihres Gatten Peter III.
eine Justiz- und Verwaltungsreform – „Sie werden sehen, wie ich, zum Nutzen
meines Reiches, Montesquieu geplündert habe. […] Sein Werk […] ist mein
Gebetbuch“17 –, milderte die Leibeigenschaft und erließ ein Toleranzdelikt. Im
Bereich der Bildung und der medizinischen Versorgung konnte Katharina sicht-
bare und nachhaltige Reformen voranbringen. Sie führte das Volksschulwesen
ein, gründete Akademien und Universitäten. Unter Pseudonymen verfasste
sie selbst aufklärerische Artikel sowie mehrere Komödien, die auch aufgeführt
und im renommierten Verlag von Friedrich Nicolai veröffentlicht wurden. Sie
regierte 34 Jahre lang und starb nach einem Schlaganfall 1796 mit 68 Jahren.
Ihre Versuche, Russland näher an Europa heranzuführen, waren trotz Skep-
sis in älteren Darstellungen letztlich von Erfolg gekrönt, wie die Verbindun-
gen mit Preußen und ihre Rolle in der ersten Teilung Polens dokumentieren.18
Ihr politisch-diplomatisches Geschick und ihre Fähigkeit, strategisch klug zu
planen und zu handeln, machten sie zu einer der bedeutendsten Herrscher-
persönlichkeiten ihrer Zeit. Im Lichte des Walisczewski-Porträts figuriert
Katharina die Große allerdings nicht nur als mythische Ikone kalkulierten
Strebens nach Macht, sondern auch als sinnlich-starke Frau, als ‚Femme fatale‘,
die ihre Karriere weitgehend allein und quasi aus dem Nichts heraus aufgebaut
16 Ebd., S.
202f.
17 Zit. bei: Sichtermann, Zarin Katharina. Eine fundierte Wertschätzung findet sich
bei:
Manfred Hildemeier:
Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberre-
volution. München:
C.H. Beck 2013, bs. S.
490–527. Bilanzierend zur Reformpolitik
heißt es dort: „Was sie 1775 und 1785 als Quintessenz aus Erfahrungen und Bera-
tungen und ihrer ‚aufgeklärt‘-westlichen Ideen in umfassende Grundgesetze goss,
lief auf nichts weniger hinaus, als den Versuch, Adel und Stadtbewohner in neuer
korporativer Gestalt zur Landesverwaltung heranzuziehen.“ (Ebd., S. 526f.).
18 Zur Skepsis in älteren Darstellungen vgl. z.B. Waliszewski, Caterina II, S. 235–294,
dagegen die außen- und militärpolitischen Erfolge würdigend:
Hildemeier, Geschichte
Russlands, S. 528ff.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur