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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 435
Nie wird er von ihr beglückt sein können, nie wird er sie beglücken wollen, nie wird er sie
als Frau, als Partnerin empfinden, immer nur als Feindin. Ihre Schönheit, ihre Klugheit,
ihre Anmut erfüllen ihn nicht mit Leidenschaft, steigern ihn nicht zum Mann, sondern
vermehren nur noch das Gefühl seiner tiefen Niedergeschlagenheit und Unzulänglich-
keit. […] Sein Ideal ist und bleibt das Ideal des kleinen holsteinischen Soldaten: Fried-
rich von Preußen. […] Er nimmt russische Stunden, weil er dazu gezwungen ist. […]
Während er sich ängstlich gegen alles Neue absperrt und bestrebt bleibt, seine kleine
Persönlichkeit zu bewahren, wirft sich Sophie mit Schwung und Begeisterung dem
Neuen, der Zukunft, entgegen. Sie will Kaiserin von Rußland werden […][,] sie muß
eine Russin werden.45
An so einem tristen und hoffnungsarmen Lebensalltag „wäre eine mittelmäßige
Natur zugrunde gegangen“, aber Katharina, die nicht bereit ist, solche Demüti-
gungsgesten zu erdulden,46 vermag „die zurückgestauten Liebeskräfte in geistige
Aktivität“ umzusetzen.47 Ihre Inspirationsikone bleibt dabei Peter der Große,
dessen revolutionären Lehren – im Sinne einer umfassenden gesellschaftlichen
Liberalisierung – Katharina bis zum Ende ihres Lebens nacheifert: „Mit fünf-
undsechzig Jahren hat sie das Programm ihres großen Vorbildes Peter erfüllt:
Sie
beherrscht das Baltische und das Schwarze Meer; die russischen Grenzen sind
weit nach dem Westen vorgeschoben.“48
In Kaus’ Konzept und Romanbild ist Katharina die Große „eine Herrin im
wahren Sinne des Wortes“, daher trotz mancher Attitüden, „himmelweit ent-
fernt von Herrschsucht und mutwilliger Tyrannei“.49 Nur auf den ersten Blick
weist die Katharina-Zeichnung bei Anatolij Mariengof Ähnlichkeiten mit jener
von Gina Kaus auf.50 Sein Roman Ekaterina (1936; dt. Jekaterina 2003), der auf-
grund der Zeitumstände weder in der Sowjetunion noch im deutschsprachigen
Raum breiter rezipiert werden konnte, konzentriert sich auf die Kindheit der
45 Ebd., S.
108 bzw. 65f.
46 Ebd., S.
141.
47 Ebd.
48 Ebd., S.
402.
49 Ebd., S.
274.
50 Anatolij B. Mariengof (1897–1962) entstammte einer kurländischen Adelsfamilie
und war ein wichtiger Vertreter des Imaginismus. Er besuchte das Gymnasium in
Pensa und kam 1918 nach Moskau, wo er den jungen Sergej A.
Esenin kennenlernte.
Die beiden Dichter verband eine enge Freundschaft. Mit Mariengofs Roman ohne
Lüge (1927), der viele Einzelheiten aus Esenins Leben preisgab, brach dieser 1924 die
Beziehung zu Mariengof ab; vgl. Olga Martynova: „Weinen und Tanzen der kleinen
Fieke“ [Nachwort]. In:
Anatoli Marienhof:
Jekaterina. Aus dem Russischen von Birgit
Veit. Berlin: Kindler Verlag 2003, S. 376–389, hier S. 377f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur