Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Kunst und Kultur
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Seite - 436 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 436 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

Bild der Seite - 436 -

Bild der Seite - 436 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

Text der Seite - 436 -

Ester Saletta436 kleinen Prinzessin, ihre Ankunft in Russland und die Ehe mit Peter III. bis hin zu dessen Ermordung 1762. Mariengof hält sich zwar an die wichtigsten histo- rischen Daten, die ihn als Kenner der russischen Geschichte ausweisen; er geht jedoch mit seinem Material eigenwillig um, indem er es sprachlich wie erzähl- technisch gegen die Lesererwartung an einen historischen Roman experimentell arrangiert. So entsteht einerseits eine Spannung aus dokumentarischer und frag- mentarischer Narration, andererseits eine subversive Aushöhlung des Genres HerrscherIn-Biographie durch eine zynisch-sarkastische, direkte Sprechweise, die zum Teil seinen avantgardistischen Anfängen geschuldet, zum Teil Ausdruck einer schreibästhetischen Nischen-Strategie unter den Bedingungen stalinisti- scher Literaturpolitik ist. Mariengofs Roman führt die zukünftige Kaiserin unter der Perspektive einer artifiziellen Identitätskonstruktion vor, die ihre Konversion zur orthodoxen Religion und Kulturwende hin zur perfekten Russin  – „Die Nation soll so schnell wie möglich vergessen, dass ich eine Deutsche bin“51  – als selbstreferentiellen, aber auch machtstrategischen Schöpfungsakt inszeniert. „Am wichtigsten ist es, zu gefallen. Ich werde alles tun, um zu gefallen. Jawohl, ich werde gefallen. Ich muss gefallen. Das wiederholte sie sich zum zwanzigsten, zum dreißigsten, zum fünfzigsten, zum hundertsten Mal.“52 Katharinas Anstrengungen, sich eine neue transkulturelle Identität als Zarin beziehungsweise Mutter von Russland, das heißt als die machtvollste Frau der russischen Gesellschaft aufzubauen, kon- vergieren mit ihrer Vorstellung vom größten Glück, nach dem eine Frau streben könne:  „eine Krone zu tragen“, für sie in ihrer mädchenhaften Naivität und Kar- riereplanung das weithin sichtbare Zeichen einer erfolgreichen Frauenemanzi- pation schlechthin.53 Katharinas Emanzipationsideen entblößen sich auf dieser Ebene rasch als ihr Gegenteil, setzen sie letztlich bloß auf Verstärkung tradi- tioneller weiblicher Rollenbilder, zum Beispiel wenn es heißt:  „Peter Fjodoro- witsch braucht keine mächtige Gattin, er braucht eine kluge, gebildete, eine, die ihn liebt. Ich bin für ihn die optimale Gattin. Ich werde ihn mehr als alles auf der Welt lieben.“54 Die sanierende Kraft liebevoller Weiblichkeit dem psychisch unstabilen Peter III. gegenüber stößt freilich rasch auf ihre Grenzen. Dieser zieht ihr nämlich einerseits Friedrich II. vor  – „Peter sprang von dem Kanapee auf, umarmte die Marmorbüste des Königs und küsste ihn stürmisch dreimal auf 51 Mariengof, Jekaterina, S.  128. 52 Ebd., S.  90. 53 Ebd., S.  76. 54 Ebd., S.  77.
zurück zum  Buch Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938"
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Titel
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Untertitel
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Autor
Primus-Heinz Kucher
Herausgeber
Rebecca Unterberger
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Abmessungen
14.8 x 21.0 cm
Seiten
466
Kategorie
Kunst und Kultur
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹