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Ester
Saletta436
kleinen Prinzessin, ihre Ankunft in Russland und die Ehe mit Peter III. bis hin
zu dessen Ermordung 1762. Mariengof hält sich zwar an die wichtigsten histo-
rischen Daten, die ihn als Kenner der russischen Geschichte ausweisen; er geht
jedoch mit seinem Material eigenwillig um, indem er es sprachlich wie erzähl-
technisch gegen die Lesererwartung an einen historischen Roman experimentell
arrangiert. So entsteht einerseits eine Spannung aus dokumentarischer und frag-
mentarischer Narration, andererseits eine subversive Aushöhlung des Genres
HerrscherIn-Biographie durch eine zynisch-sarkastische, direkte Sprechweise,
die zum Teil seinen avantgardistischen Anfängen geschuldet, zum Teil Ausdruck
einer schreibästhetischen Nischen-Strategie unter den Bedingungen stalinisti-
scher Literaturpolitik ist.
Mariengofs Roman führt die zukünftige Kaiserin unter der Perspektive einer
artifiziellen Identitätskonstruktion vor, die ihre Konversion zur orthodoxen
Religion und Kulturwende hin zur perfekten Russin
– „Die Nation soll so schnell
wie möglich vergessen, dass ich eine Deutsche bin“51 – als selbstreferentiellen,
aber auch machtstrategischen Schöpfungsakt inszeniert. „Am wichtigsten ist
es, zu gefallen. Ich werde alles tun, um zu gefallen. Jawohl, ich werde gefallen.
Ich muss gefallen. Das wiederholte sie sich zum zwanzigsten, zum dreißigsten,
zum fünfzigsten, zum hundertsten Mal.“52 Katharinas Anstrengungen, sich eine
neue transkulturelle Identität als Zarin beziehungsweise Mutter von Russland,
das heißt als die machtvollste Frau der russischen Gesellschaft aufzubauen, kon-
vergieren mit ihrer Vorstellung vom größten Glück, nach dem eine Frau streben
könne:
„eine Krone zu tragen“, für sie in ihrer mädchenhaften Naivität und Kar-
riereplanung das weithin sichtbare Zeichen einer erfolgreichen Frauenemanzi-
pation schlechthin.53 Katharinas Emanzipationsideen entblößen sich auf dieser
Ebene rasch als ihr Gegenteil, setzen sie letztlich bloß auf Verstärkung tradi-
tioneller weiblicher Rollenbilder, zum Beispiel wenn es heißt: „Peter Fjodoro-
witsch braucht keine mächtige Gattin, er braucht eine kluge, gebildete, eine, die
ihn liebt. Ich bin für ihn die optimale Gattin. Ich werde ihn mehr als alles auf
der Welt lieben.“54 Die sanierende Kraft liebevoller Weiblichkeit dem psychisch
unstabilen Peter III. gegenüber stößt freilich rasch auf ihre Grenzen. Dieser zieht
ihr nämlich einerseits Friedrich II. vor – „Peter sprang von dem Kanapee auf,
umarmte die Marmorbüste des Königs und küsste ihn stürmisch dreimal auf
51 Mariengof, Jekaterina, S. 128.
52 Ebd., S.
90.
53 Ebd., S.
76.
54 Ebd., S.
77.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur