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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 437
die dünnen, kalten, listigen Lippen“55 –, andererseits Mätressen, allen voran die
„dicke Woronzowa“, und scheut sich nicht, Katharina öffentlich zu brüskieren,
damit aber auch sein eigenes Ende einzuleiten:
„Jekaterina ließ den Kopf hängen.
Der Kaiser hatte sie eben über den ganzen Tag angebrüllt, so dass es alle hören
konnten, und eine dumme Gans genannt.“56 Als Peter auf Initiative Orlows hin
gefangen gesetzt wird, beratschlagen Katharina und Orlow vor dessen Ermor-
dung über das weitere Vorgehen wie folgt:
„Seine Gesundheit ist nicht besonders
stabil, fast jeden Tag hat er Krämpfe in der Brust und eine Hämorrhoidalkolik
[…][.] Ja, seine Gesundheit ist nicht die beste.“57
3 Filmversionen der 1930er Jahre
Zwei erfolgreiche internationale Verfilmungen aus dem Jahr 1934 stellen die
Katharina-Figur nochmals ins Rampenlicht: The Scarlet Empress, eine US-ame-
rikanische Paramount-Produktion in der Regie von Josef von Sternberg mit
den Stars Marlene Dietrich und John Lodge, sowie The Rise of Catherine the
Great von Paul Czinner, der in Österreich durch die Kiba (= Kinobetriebsan-
stalt Ges.m.b.H.) unter dem Titel Katharina die Große vertrieben wurde und in
dem Elisabeth Bergner und Douglas Fairbanks Jr. die Hauptrollen verkörperten.
Während Sternbergs Film mit dem Verweis auf Zugang zu Katharinas Tagebü-
chern und russischem Archivmaterial „ein authentisches Gemälde der damali-
gen russischen Periode“ in Aussicht stellte,58 strich die österreichische Filmkritik
bei der Czinner-Korda-Produktion vor allem die Leistung Elisabeth Bergners im
Werdegang der jungen zur mächtigen Katharina durch „starke innere Wahrheit“
heraus.59
Bei Sternberg dominiert das Motiv der Gegenüberstellung, das in verschie-
denen Varianten durchgespielt wird: als Kulturspaltung zwischen der deutschen
und der russischen Welt, aber auch als Konflikt zwischen Katharinas Eltern, die
unterschiedliche Ambitionen für die junge Tochter im Blick haben. Dem int-
riganten Aktivismus der Mutter steht dabei das passive Schweigen des Vaters
gegenüber. In der Mitte dieser divergierenden Familienaufstellung findet sich
55 Ebd., S.
318.
56 Ebd., S.
333.
57 Ebd., S.
370.
58 N.N.: [Ankündigung]. In: Österreichische Film-Zeitung (23.12.1933), S. 4.
59 N.N.:
[o.T.]. In:
Österreichische Film-Zeitung (10.3.1934), S.
2. Am Skript waren mit
Ludwig Biro und Melchior Legyel zwei herausragende Drehbuchautoren ungarisch-
deutscher Herkunft beteiligt, die u.a. auch für Ernst Lubitsch tätig waren.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur