Seite - 67 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 67 -
Text der Seite - 67 -
67
Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
Während seiner zweijährigen Tätigkeit bei der staatlichen Unterstützung im
Hilfskomitee für die Flüchtlinge aus dem Süden habe er viel Gutes und viel
Schlechtes gesehen, erklärte De Gasperi. Er sei auf Bezirkshauptmänner ge-
troffen, die sich den Flüchtlingen gegenüber wie Väter verhielten, aber ande-
re behandelten sie, und besonders die italienischen Flüchtlinge, wie Schwei-
ne. Der erste grundlegende Fehler der staatlichen Flüchtlingshilfe war De
Gasperi zufolge, dass man sich nicht gleich an Rechtsvorschriften orientierte.
Die Flüchtlinge wurden wie zu verwaltende Objekte und nicht wie Bürger
behandelt.
Sie wurden evakuiert, instradiert, perlustriert, approvisioniert, kaserniert,
als ob sie keinen eigenen Willen, als ob sie kein Recht hätten. […] Der zweite
Hauptfehler, der viel mehr als ein Fehler, der eigentlich ein Verbrechen war, ist
aus demselben Geiste entsprungen, aus welchem die Evakuierung, hervorge-
gangen ist: das ist der Verfolgungsgeist. Man weiß ganz genau, zum Beispiel
vom Trentino, daß mindestens 70 Prozent der evakuierten Bevölkerung nicht
aus wirtschaftlichen Gründen und nicht aus rein militärischen Gründen, son-
dern […] aus politischen Gründen … aus polizeilichen Gründen evakuiert
wurden und sie wurden eigentlich nicht evakuiert – das ist ein euphemisti-
sches Wort –, sondern verbannt. Bei Verbannten konnte man natürlich keine
besondere Rücksicht üben […] Aus diesem Verfolgungsgeist und Evakuie-
rungsgeist ist es auch zu erklären, dass man zu den Konzentrationslagern
gekommen ist. 71
Dann konzentrierte sich De Gasperi neben der Ernährungsnot auf Gesund-
heitsfragen und ungenügende Kohlelieferungen. De Gasperi schloss seine
Rede mit dem Dank an all jene, die private Flüchtlingshilfe geleistet hatten
und dem Wunsch, dass auf dem Verhandlungsweg Frieden erreicht werde,
was die einzige Hoffnung auf die Lösung der Probleme der Flüchtlinge und
der ganzen Bevölkerung sei.
Die Kritik De Gasperis an den autoritär-repressiven Methoden der
Militärkommandos hatte nun einen Ort gefunden – das Parlament –, wo sie
71 Die Rede vom 12. Juli 1917 in: StPAH, XXII Session, 18. Sitzung 915–919; auch auf Ita-
lienisch in: De Gasperi, Scritti e discorsi politici, Bd. I/2 1937–1949, hier: 1938–1939 und 1944–
1945.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918