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Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
Vorbehalt des Absolutismus; für die wirklich regierende Macht aber außerhalb
des Parlaments ist das Selbstbestimmungsrecht nur ein böses Schlagwort der
Entente, gegen welches mit allen Waffen der spezifisch ‚alten österreichischen
Tradition’ gekämpft werden muß.
Ein typisches Beispiel für diese Falschheit, für diese heuchlerische Metho-
de, sei die Art und Weise, wie kurz vor und nach Ausbruch des Krieges mit
der Trentino-Frage umgegangen worden sei. In den Verhandlungen mit Ita-
lien von 1914/15 sei die kaiserliche und königliche Regierung bereit gewesen,
zumindest Teile des Trentino dem nahen Savoyer Königreich zu überlassen,
ohne die betroffene Bevölkerung darüber zu informieren. Dann, nach dem
Bruch mit Rom und der italienischen Kriegserklärung, sei es zu Unterdrü-
ckung, Willkür und der Militärdiktatur gekommen, deren Programm dar-
in bestanden habe, das Italienische zu zerstören. De Gasperi reflektierte die
Gründe für diesen Wandel gegenüber den österreichischen Italienern, denen
in der Vergangenheit zahlreiche Versprechungen gemacht worden waren.
Anlass für den schroffen Wechsel war die Tatsache, dass die österreichische
Politik bis zum Krieg von der Notwendigkeit der Pflege guter Beziehungen
zum Königreich Italien bestimmt gewesen war, doch nun habe man unbe-
kümmert gegen einen kleinen Volkssplitter agieren können.
De Gasperis Analyse war an dieser Stelle zu summarisch, denn sie be-
rücksichtigte nicht die jahrhundertelange übernationale habsburgische Tra-
dition. Dennoch erfasste der Politiker zweifellos die Veränderungen in der
österreichischen Politik und die Konsequenzen, die sich daraus für den Ge-
mütszustand der Bevölkerung des Trentino ergaben. In Gefahr waren nicht
die politischen Rechte, wohl aber die Existenz der nationalen Gruppe der Ita-
liener selbst. Dieses Trentino, sagte De Gasperi, habe kein Volk mehr, sondern
sei die Ruine eines Volkes, ein Gebilde im Todeskampf. Am Ende appellierte
er an die Vernunft jener politischen Klasse, die er so hart angegriffen hatte,
den Flüchtlingen die Rückkehr zu gestatten, bessere Ernährungsbedingun-
gen zu schaffen und wieder ein normales Schulsystem herzustellen. Den Mi-
nisterpräsidenten, gleichzeitig Minister für Kultus und Unterricht, erinnerte
er an die Internierung des Bischofs Celestino Endrici und forderte ihn in die-
ser Angelegenheit wie in der ganzen Kulturpolitik gegenüber den Italienern
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918