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Italien als Vorbild für Österreich?
doch noch aufzuhalten. Die Absprachen vom März 1919, als Frankreich die
Brennergrenze garantierte und Italien dafür dem Anschlussverbot zustimm-
te, ließ diese Hoffnungen jedoch bald illusorisch erscheinen7.
Als möglicher Rückhalt der Österreicher in ihren Konflikten mit den
Nachbarn blieb letztendlich nur Italien übrig, das sich als aktiver Gegenpol
zur französischen Politik und zur Kleinen Entente herauskristallisierte. Ins-
besondere der Gegensatz zu Jugoslawien wirkte hier verbindend. Italien half
den Österreichern 1919/20 durch sein Eingreifen in Kärnten8 und es vermittel-
te im Konflikt um Deutsch-Westungarn (Burgenland) 1921/22, sodass es Ös-
terreich erspart blieb, auf das Bündnisangebot Masaryks zurückzukommen
und die Hilfe der Kleinen Entente in Anspruch zu nehmen9. Auch bei der
Mobilisierung der westlichen Öffentlichkeit im Vorfeld der Genfer Anleihe
im Sommer 1922 spielte Italien im österreichischen Sinne eine sehr konst-
ruktive Rolle, als es auf das Gambit Bundeskanzler Seipels mit der Zoll- und
Währungsunion zumindest soweit einging, als es den Plänen des Monsig-
nore entsprach, um eine Drohkulisse aufzubauen und Frankreich zu seinem
Engagement zu überreden10.
Innenpolitisch war insofern eine gewisse Parallele gegeben, als Öster-
reich und Italien in den ersten zwei Jahren nach dem Krieg beide ihre Ver-
sion des biennio rosso durchmachten. Im Gegensatz zu den Siegermächten im
Westen, wo sich die triumphale Stimmung 1918/19 in Wahlsiegen der Rech-
ten niederschlug, der Chambre horizon blue bzw. den Coupon Elections, ging
7 Der Christlichsoziale Obmann Johann Nepomuk Hauser erhob sich hingegen olym-
pisch über die Argumente seiner Kollegen, die entweder auf Frankreich oder auf Italien
setzten, wenn er erklärte: „Größere Verbrecherorganisation als die Entente gibt es nicht.“
Wien, Karl von Vogelsang Institut (KvVI), Christlichsoziale Partei (CSP) 20, Klub 6.5.1919;
vgl. auch Richard Schober, Die Tiroler Frage auf der Friedenskonferenz von Saint Germain
(Innsbruck 1982).
8 Vgl. Claudia Fräss-Ehrfeld, Geschichte Kärntens 1918–1920. Abwehrkampf – Volks-
abstimmung – Identitätssuche (Klagenfurt 2000) 120 ff.
9 Außenpolitische Dokumente Österreich (ADÖ), Bd. 4 (Wien 1998) 136, 150; Rainer Hu-
bert, Schober. „Arbeitermörder“ und „Hort der Republik“ (Wien 1990) 111 ff.; Michael Hem-
za, Von Deutsch-Westungarn zum Burgenland (Diplomarbeit Wien 2018).
10 Gottfried Ladner, Seipel als Überwinder der Staatskrise vom Sommer 1922. Zur Ge-
schichte der Entstehung der Genfer Protokolle (Wien 1964); Unterhändler des Vertrauens.
Aus den nachgelassenen Schriften von Sektionschef Dr. Richard Schüller, hrsg. von Jürgen
Nautz (Wien 1990); zu Seipel unlängst auch die wichtigen Beiträge von Jürgen Steinmair,
Der Priesterpolitiker Ignaz Seipel und der Heilige Stuhl. Ein Konflikt der Loyalitäten? (Diss.
Wien 2012); Walter Iber, Sotto il fascino del politico sacerdote. Il partito cristiano-sociale
nella prima Repubblica austriaca, in: Römische Historische Mitteilungen 52 (2010) 303–322.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918