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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
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86 Lothar Höbelt die Unzufriedenheit mit der vittoria mutilata11 in Italien mit einer regionalen Machtergreifung der Linken einher, während sich in Österreich nach dem Zusammenbruch der alten Ordnungskräfte eine „Große Koalition“ etablierte, unter Führung der Sozialdemokratie, die jegliche revolutionäre Perspektive zwar als unrealistisch verwarf, den Druck der Straße und der Räterepubli- ken in der Nachbarschaft aber weidlich dazu ausnützte, um der bürgerlichen Mehrheit in der Nationalversammlung weitreichende Zugeständnisse abzu- pressen. Ein Gewerkschaftsführer, Franz Domes, der Obmann der mächtigen Metallarbeiter, wischte Bedenken des christlichsozialen Koalitionspartners einfach mit der Bemerkung beiseite: Geben Sie sich keine Mühe, wir machen, was wir wollen.12 Im Oktober 1922 kam es dann sowohl in Österreich als auch in Italien zu einer „Gegenrevolution“, in ganz unterschiedlicher Form allerdings: In Italien setzte Mussolini den marcia su Roma in Szene und wurde mit der Er- nennung zum Ministerpräsidenten belohnt. In Österreich mobilisierte Bun- deskanzler Ignaz Seipel die Geldgeber im Westen, um die Geländegewin- ne der Linken in den Umbruchsjahren rückgängig zu machen. Sein großer Gegenspieler Otto Bauer, der führende Kopf der österreichischen Sozialde- mokraten, schrieb zähneknirschend: Das Gleichgewicht der Klassenkräfte war in dem Moment aufgehoben, als sich die Staatsgewalt unter den Schutz des Auslands flüchtete. Diese Anklage war freilich mit einem Kompliment an seinen Gegen- spieler verbunden: So waghalsig Seipels Spiel gewesen war, sein Ziel war erreicht. [...] Der 4. Oktober 1922 [als die Genfer Protokolle unterzeichnet wurden], war Seipels Revanche für den 12. November 1918 [als in Wien der Beschluss über die Republik verkündet worden war].13 Freilich, es war diesseits und jenseits des Brenner eine ganz andere Dynamik am Werk. Um es in den Termini des Kalten Krieges auszudrücken: Die „Österreichische Gegenrevolution“ lief auf ein Containment der Linken hinaus, die Machtergreifung der Faschisten auf ein Rollback. In Italien folg- te 1924–1926 der Durchbruch zur Diktatur und zu einem Ein-Parteien-Re- 11 Auch in dieser Beziehung wird oft vergessen, dass Italien tatsächlich um Ansprüche aus dem Londoner Vertrag geprellt wurde – und den impliziten Anspruch auf Albanien. 12 KvVI, CSP 20, Klubsitzung 2.5.1919; vgl. dazu Lothar Höbelt, Die Erste Republik Öster- reich (1918–1938). Das Provisorium (Wien 2018) 130 ff. 13 Otto Bauer, Die Österreichische Revolution, in: Werkausgabe, Bd. 2 (Wien 1976) 831, 837.
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Titel
Die schwierige Versöhnung
Untertitel
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Autoren
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Herausgeber
Karlo Ruzicic-Kessler
Verlag
Bozen-Bolzano University Press
Ort
Bozen
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Abmessungen
16.0 x 23.0 cm
Seiten
616
Schlagwörter
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Kategorien
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