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Italien als Vorbild für Österreich?
gime, in Österreich rangen Seipel und seine „Sanierungspartnerschaft“ mit
den Mühen der Ebene. Sie hatten gegen den Widerstand der Länder und der
Beamten die unpopulären Sparmaßnahmen umzusetzen, die mit dem Genfer
Protokoll verbunden waren. Die Sozialdemokratie aber beanspruchte auch
als nunmehrige Oppositionspartei weiterhin ein Vetorecht in allen ihr we-
sentlich erscheinenden Fragen, das sie ganz offen mit dem Instrumentarium
der parlamentarischen Obstruktion durchsetzte14.
Darüber hinaus verteidigte die österreichische Sozialdemokratie mit
Zähnen und Klauen das Prinzip der „Einheit der Arbeiterklasse“, nach links
wie nach rechts. Der Erfolg dieser Strategie ließ sich daran ablesen, dass es
gelang, die Kommunisten auf den Status einer einflusslosen Sekte zu redu-
zieren, die bei Wahlen nicht einmal 1 % der Stimmen erhielt. Sie war nach
der anderen Richtung aber auch kaum bereit, den christlichen oder nationa-
len Richtungsgewerkschaften eine Existenzberechtigung zuzugestehen. Die
außerparlamentarische Stellung der Sozialdemokratie, mit ihrem mächtigen
Gewerkschaftsapparat, der weitgehend auf dem Prinzip des closed shop be-
stand und die Koalitionsfreiheit der Arbeiternehmer ad absurdum zu füh-
ren drohte, blieb auch in der Opposition weiterhin bestehen. Das in den An-
fangsjahren der Republik sozialdemokratisch dominierte Berufsheer („Volks-
wehr“) wurde ab Mitte der zwanziger Jahre unter der Regie des langjährigen
christlichsozialen Heeresminister Vaugoin zunehmend „umpolitisiert“, aber
die Sozialdemokratie schuf sich mit dem „Republikanischen Schutzbund“ ab
1923 eine Parteiarmee, die zumindest zahlenmäßig dem Bundesheer überle-
gen war – wenn es sich dabei auch um „Wochenend-Soldaten“ handelte, ohne
schwere Waffen15.
Auch auf der Rechten hatten sich Wehrverbände gebildet, die in den
ersten Jahren eine Mehrzweckfunktion innehatten, gegen auswärtige Feinde,
plündernde Soldaten und Übergriffe der Arbeiterräte. Nach 1922 traten diese
14 Lothar Höbelt, Die Erste Republik Österreich 178 f., 188 f., vgl. auch Lothar Höbelt, Par-
liamentarism in Austria in the Interwar Period, in: Parliamentarism and Political Structures in
East-Central and Southeastern Europe during the Interwar Period, hrsg. von Hans-Christian
Maner, Sorin Radu (= Studia Universitatis Cibiniensis, Series Historica 9, Sibiu 2012) 13–29.
15 Zum Schutzbund vgl. die drei Dissertationen: Christine Vlcek, Der Republikani-
sche Schutzbund in Österreich. Geschichte, Aufbau und Organisation (Wien 1971); Finbarr
McLoughlin, Der Republikanische Schutzbund und gewalttätige Auseinandersetzungen in
Österreich 1923 bis 1934 (Wien 1990); Otto Naderer, „Ausrückender Stand 16.728!“ Der Repub-
likanische Schutzbund und die militärische Vorbereitung auf den Bürgerkrieg (Salzburg 2003).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918