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Lothar Höbelt
zur Metaphysik“, auch der „Rätegedanke enthält einen Keim zur ständischen
Entwicklung“26.
Spanns Lehre von der Solidarität der Berufsstände versprach ein Re-
zept zur Überwindung des Klassenkampfes. Der Staat als Motor gesellschaft-
licher Umwälzungen sollte dabei jedoch weitgehend ausgeschaltet werden,
sondern sich auf die Hoheitsverwaltung beschränken und seine Kompeten-
zen an die Selbstverwaltung der Stände delegieren. Altösterreichische Kon-
servative, die gegen den „omnipotenten Staat“ polemisierten, hatten schon
im neunzehnten Jahrhundert mit Vorliebe auf entsprechende englische Vor-
bilder verwiesen27. Doch wer waren die Stände, die sich noch dazu „orga-
nisch“ entwickeln sollten, in einer „spontanen Ordnung“, möglichst ohne ob-
rigkeitliche Vorgaben? Eine spätere Zeit mochte da an die „Nebenregierung“
der Sozialpartner im Österreich der Jahre nach 1945 denken. Der tschecho-
slowakische Präsident Edvard Beneš wiederum kommentierte das Bemühen,
die Bevölkerung fein säuberlich in Stände zu gliedern, einmal ironisch, man
wolle den Klassenkampf abschaffen, indem man eine große Anzahl neuer Klassen
schaffe28.
Wo waren die Grenzen der Selbstverwaltung, die von Spann ja nicht
bloß als Gegenentwurf zum Staatssozialismus gedacht war, sondern auch
zum liberal-kapitalistischen Individualismus? Odo Neustädter-Stürmer, ei-
ner der ganz wenigen Heimwehrleute, der sich schon seit langem intensiv
mit dem Thema beschäftigte, hatte schon Mitte der zwanziger Jahre in die-
sem korporativen Modell den Übergang zu einer Wirtschaftsform erblickt,
die – unter dem Motto „z’sammstreiten statt auseinanderstreiten“ – über die
Vertretung der Berufsstände zu einer „Verbands- und Planwirtschaft“ füh-
ren würde, anders als es sich die Marxisten vorstellten, aber doch in einem
gewissen Gleichklang mit ihren Ideen29. Walter Heinrich, der Schüler Spanns,
26 Othmar Spann, Der wahre Staat. Vorlesungen über Abbruch und Neubau der Gesell-
schaft (Jena 31931) 146 f.
27 Christoph Thienen-Adlerflycht, Graf Leo Thun-Hohenstein als nachjosephinischer
Vorkämpfer eines aufgeklärten Konservativismus, in: Konservative Profile (Graz 2003) 103–
168, hier: 153 ff.; Lothar Höbelt, Johannes Klawoda, Jiri Malir (Hrsg.), Die Tagebücher des
Grafen Egbert Belcredi 1850–1894, hrsg. von Ulrich E. Zellenberg (Wien 2016).
28 ADÖ IX, 292 (17.1.1934).
29 Österreichischer Bund (18.12.1926). Am 4.12.1927 findet sich auch ein Beitrag über die
“Ständeverfassung” unter Mussolini. Die Wochenzeitung war das Organ der Anhänger des
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918