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Italien als Vorbild für Österreich?
rung lautete: Der Faschismus ist eine aus tiefem politischen Instinkt und geschicht-
licher Notwendigkeit mehr als aus theoretischer Klarheit geborene Bewegung. Das
wahrhaft erlösende Wort sei eben noch nicht gesprochen worden. Es scheint,
dass dieses Wort, das eine neue Welt gestaltet, romanisch nicht gesprochen werden
kann. Wir glauben, dass es deutsch gesprochen muß.36 Diese Kritik am Theorie-
defizit des Faschismus war und ist freilich nicht auf Heinrich beschränkt37.
Die Vorstellung, dass gerade der undogmatische Charakter des Faschismus,
Mussolinis empirismo presuntuoso38, für seine Erfolge verantwortlich war, und
dass umgekehrt jenes organische Wachstum, auf das Spann und Heinrich
setzten, ihre Vorstellungen als konkrete Handlungsanweisungen für die Poli-
tik inoperabel machten, kam waschechten „Ideologen“ und philosophischen
Gemütern nicht in den Sinn.
Denn: Wie immer auch die Wirtschaftsverfassung innerhalb der be-
rufsständischen Ordnung aussehen würde, Spanns Oeuvre bot wenig An-
haltspunkte dafür, wie sein „wahrer Staat“ tatsächlich beschaffen sein sollte.
Den Staat als obersten Stand sollte ein Gremium der erlesensten Männer bilden,
die – wiederum ganz organisch – aus den Selbstverwaltungsinstitutionen
herauswachsen sollten. Die Idee mochte sich allenfalls mit Reminiszenzen
an die Monarchie vertragen, als eine abgehobenen Bürokratie ein Reich ver-
waltet hatte, ohne sich viel um die Kümmernisse der Krämerseelen zu küm-
mern. Doch die Kombination von unbedingter Autorität und weiser Selbst-
beschränkung war zu schön, um wahr zu sein. Schließlich war schon das
ursprüngliche Ständewesen der frühen Neuzeit durch die Anforderungen
der Außen- und Militärpolitik unterminiert worden. Fazit: Bei allen Meriten
informeller Regelungen im kleinen Rahmen, die natürliche Autoritäten zur
Geltung kommen ließen, als Muster für eine staatliche Verfassung waren der-
lei Theorien unbrauchbar.
Eben weil es noch keine organisierten „Stände“ gab, hatte man in der
revidierten österreichischen Verfassung von 1929 zwar den „Länder- und
Ständerat“ verankert, sich bis auf weiteres aber mit dem bisherigen Bundesrat
als provisorischer Zweiter Kammer begnügt. Alt-Bundeskanzler Seipel war
36 Heinrich, Faschismus 137, 165, 182.
37 Janek Wasserman, Black Vienna. The Radical Right in the Red City 1918–1938 (Ithaca
2014) 101.
38 Guerri, Bottai 207.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918