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Italien als Vorbild für Österreich?
Die Monarchie hatte in Krisensituationen einfach mit dem Notverordnungs-
paragraphen regiert. Die Regierung Dollfuß nahm eine Zeitlang ihre Zuflucht
zu einem Relikt aus den letzten Jahren der Monarchie, dem Kriegswirtschaft-
lichen Ermächtigungsgesetz51. Um ihre Herrschaft auf eine dauerhafte Basis
stellen, begann sie relativ bald Überlegungen hinsichtlich einer oktroyierten
Verfassung anzustellen. Die Regierung bestand de facto aus einer Koalition
von Christlichsozialen und Heimwehren. Als kleinster gemeinsamer Nen-
ner für beide Partner gewann einmal mehr die berufsständische Ordnung an
Bedeutung. Es ergab sich das Kuriosum: Weder Dollfuß noch Starhemberg
waren je als besondere Anhänger dieser Idee hervorgetreten. Doch Dollfuß
gab in seiner „Trabrennplatzrede“ am 11. September 1933 die Losung aus vom
„christlich-deutschen Ständestaat mit autoritärer Führung“. Die Heimweh-
ren gruben daraufhin das Korneuburger Gelöbnis wieder aus, um ihre älte-
ren Rechte in punkto Ständestaat zu dokumentieren.
Um den Bruch mit der demokratischen Vergangenheit irreversibel zu
machen, bemühte Starhemberg jetzt auch wieder häufiger das Vokabel Fa-
schismus. Der Begriff „Ständestaat“ ist uns zu unklar. Er könne auch als trojani-
sches Pferd verstanden werden, als alter Wein in neuen Schläuchen, um dem
bisherigen politischen Personal ein unbeschwertes Weiterleben zu garantie-
ren. Deshalb rang Starhemberg zwei Wochen nach der Trabrennplatzrede bei
einer Kundgebung im Konzerthaus um den umfassenderen Begriff: Wenn wir
das, was uns vorschwebt, in irgendeine allgemein verständliche Formel fassen wollen,
glaube ich, ist kein anderer Ausdruck geeigneter als der: Wir wollen ein faschistischer
Staat sein. Es wäre falsch, sich vor dem Wort drücken zu wollen. Tags darauf
brachte die Heimwehrpresse wohl nicht zufällig ein Interview mit Costamag-
na: Ohne Faschismus sei selbstverständlich auch kein Ständestaat möglich52.
Dabei machte sich Italien selbst erst jetzt, im dreizehnten Jahr der faschisti-
schen Herrschaft, an die Errichtung der Korporationen, die Arbeitgeber und
Arbeitnehmer als „disziplinierte Wirtschaft“ unter staatlicher Aufsicht zu-
sammenfassen sollten. Die christlichsoziale ‚Reichspost’ interpretierte diese
51 Peter Huemer, Sektionschef Robert Hecht und die Zerstörung der Demokratie in Ös-
terreich (Wien 1975); Hannes Leidinger, Verena Moritz, Das kriegswirtschaftliche Ermäch-
tigungsgesetz (KWEG) vor dem Hintergrund der österreichischen Verfassungsentwicklung,
in: Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime 1933–1938. Vermessung eines Forschungsfeldes, hrsg.
von Florian Wenninger, Lucile Dreidemy (Wien 2013) 449–470.
52 Österreichische Abend-Zeitung (28.9.1933) 2, (29.9.1933) 2, (13.11.1933) 3.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918