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Francesco Salata und das Österreich der 1930er Jahre
Plans der „Grandezza“ zu sehen, einer Ausbreitung Italiens im Donau- und
Balkanraum, wo Italien als Alternative zum Deutschtum auftrat.
Salata lehnte Österreich nicht ab, im Gegenteil. Das Land war der Nachfolger
eines Staates und einer Gesellschaft, die trotz vieler Widersprüche an der Wie-
ge der politischen und kulturellen Formierung seiner Heimat stand, es war ein
Staatssystem, das „für seine gute Verwaltung und seine kulturelle Üppigkeit“
bekannt war48. Die nationale Opposition hatte die österreichischen Italiener
nicht davon abgehalten, die positiven Aspekte eines Staates wertzuschätzen,
der ihnen eine weitreichende Organisations- und Verwaltungsautonomie ein-
geräumt hatte. Es waren daher ausgerechnet die ehemaligen Bürger des Habs-
burgerreiches, welche die politischen Forderungen und Probleme der neuen
österreichischen Republik besser nachvollziehen konnten. So schrieb Suvich
[…] nach einem ersten Misstrauen gegenüber den Irredentisten hatten die Ös-
terreicher angefangen, eher in den Triestern und Juliern Menschen zu sehen,
die ihrer Mentalität näher sind und sie besser verstehen können49.
Auch aus diesem Grund hatte der Palazzo Chigi diese Aufgabe Salata an-
vertraut. Suvich setzte ihn in allen Belangen ein, die sich auf Österreich be-
zogen. So war es Salata, der Suvich dazu riet, nicht nur auf die Enzyklika
„Quadragesimo anno“ in der neuen Verfassung zu verweisen, sondern auch
einen klaren Bezug zum Faschismus herzustellen50. Salata war davon über-
zeugt, dass sich das neue österreichische Regime als direkte Ableitung des
italienischen Faschismus verstehen sollte, und zwar sowohl hinsichtlich der
politischen Strukturen als auch in Bezug auf die ideologischen Tendenzen.
Nur auf diese Weise sei es möglich, die notwendige Kraft zu schaffen, um die
Unabhängigkeit zu bewahren.
Zudem gelang es Salata, enge Beziehungen zu einigen wichtigen Poli-
tikern in Wien herzustellen. So hatten ihm seine Besuche kultureller Natur
zum Beispiel erlaubt, „vertrauliche Beziehungen“51 mit Kurt Schuschnigg,
dem Justiz- und Bildungsminister der Regierung Dollfuß sowie aufgehen-
48 Luigi Valiani, La dissoluzione dell’Austria-Ungheria (Milano 1985) 10.
49 Suvich, Memorie 80. (Übers. d. Verf.)
50 Salata an Suvich, 3. März 1934, DDI, Serie VII, Bd. XV, d.104, nota 2.
51 Promemoria di Salata, 31. Juli 1934, cit.; siehe auch Starhemberg, Memorie 283.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918