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Luca Riccardi
den Stern der kommenden Regierungspartei und Nachfolger des ermordeten
Kanzlers, aufzubauen. Salata hatte allerdings ein schlechtes Verhältnis zu
manchen seiner italienischen Gesprächspartner, vor allem zu Piero Parini,
dem Generaldirektor im Palazzo Chigi für die im Ausland ansässigen Ita-
liener. Dieser hielt ihn für einen schlechten Faschisten52. Aber wahrschein-
lich waren das nur Eifersüchteleien, bedingt durch die Kritik Salatas an der
Funktionsweise der Behörde, die vom faschistischen Diplomaten geleitet
wurde53.
Der nationalsozialistische Putschversuch und die Ermordung Doll-
fuß’54 erhöhten die Dringlichkeit von Salatas Auftrag. Am 21. August 1934
traf Mussolini in Florenz den neuen österreichischen Kanzler Schuschnigg.
Bei den Gesprächen wurde die Notwendigkeit eines intensiveren kulturellen
Austauschs zwischen den beiden Ländern55 hervorgehoben. Salata übernahm
die Leitung des Kulturinstituts in Wien und trat in Verhandlungen zur Un-
terzeichnung eines Kulturabkommens56, er sollte aber vor Ort auch Informa-
tionen über die Entwicklung der politischen Situation Österreichs erheben,
die er direkt an Suvich weiterleitete und die damit teilweise auch Mussolini
bekannt waren. Bis zum 2. Februar 1935, dem Tag der Unterzeichnung des
italienisch-österreichischen Kulturabkommens57, schickte Salata laufend Be-
richte über die politische Situation in Österreich und dessen Beziehungen
zu Deutschland nach Rom. Er hielt diesbezüglich eine „Normalisierung“ für
notwendig, um das Schuschnigg-Regime zu stabilisieren. Am 5. August 1934
schrieb er nach Rom:
52 Er nannte ihn in einem Gespräch mit Starhemberg „un porco“ („ein Schwein“), Star-
hemberg, Memorie 283. Zur Beziehung zwischen Salata und Parini siehe Entwurf eines Briefes
von Salata an Parini, 17. Mai 1934 und Parini an Salata, 13. Juni 1934, ASMAE, CS, b.148, f.906.
53 Riccardi, Francesco Salata 344.
54 Zu diesen Geschehnissen v. Kurt Von Schuschnigg, Autriche ma patrie (Paris 1938) 201–214.
55 Notiz von Suvich an Mussolini, 21. August 1934, DDI, serie VII, Bd. XV, d.723. (Übers. d. Verf.)
56 Schema per il comunicato, 19. Oktober 1934, ASMAE, CS, b.148, f.905; Wiener Bot-
schaft an MAE [it. Außenministerium], 17. Dezember 1934, ebd., Schuschnigg blieb auch
nach Übernahme des Kanzleramts Unterrichtsminister. Salatas Gesprächspartner bei den
Verhandlungen war der Staatssekretär in Bundesministerium für Unterricht Pernter.
57 Der Text in: Accordo tra lo Stato federale Austriaco e il regno d’Italia concernente lo
sviluppo dei rapporti culturali tra i due Stati, ASMAE, CS, b.149, f.908. Dieser wurde als „das
erste Beispiel eines internationalen Übereinkommens, das konkret und einheitlich die Ent-
wicklung kultureller Beziehungen zwischen zwei Staaten regelt[e]” erachtet, siehe Comuni-
cato, ebd., f.914. Siehe zu diesem Abkommen auch Umberto Corsini, Rudolf Lill, Alto Adige
1918–1946 (Bolzano 1988) 220; der Bezug auf Salata, ebd., 224, Anmerkung 7.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918