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Francesco Salata und das Österreich der 1930er Jahre
Der Nazi-Kampagne […] muss schnellstmöglich die vollendete Tatsache einer
effektiven und praktischen Umsetzung der – zumindest provisorischen – neu-
en Verfassung entgegengesetzt werden; besonders [die Umsetzung] jener von
der Regierung ernannten gemeinschaftlichen Organe, die vom neuen Gesetz
vorgesehen sind und – ohne eine Gefahr für die ‚autoritäre‘ Ausführung der
exekutiven Gewalt darzustellen – dazu beitragen, neben der Bekämpfung der
nationalsozialistischen Unruhe auch jene Strömungen der öffentlichen Mei-
nung in Österreich zufriedenzustellen, die – meist nicht der aktuellen Re-
gierungsrichtung oppositionell eingestellt – die gegenwärtige Situation schon
lange Zeit schwer tolerieren.58
In Wien befürchtete man, dass die Umsetzung der neuen Verfassung negative
Reaktionen in Berlin zur Folge haben könnte59. Für Salata war die Verwirkli-
chung der Pläne Dollfuß’ aber der einzige Weg, die Durchsetzung der An-
schlussdoktrin zu vermeiden. Der nazionalsozialistischen Bewegung und dem
spontanen Wunsch der Bevölkerung nach einer Vereinigung mit Deutschland
sollte die konstitutionelle Legalität entgegengestellt werden, die gemäßigte öf-
fentliche Meinung sollte sich im patriotischen Kurs der Regierung wiederfinden.
Die Faschistisierung des österreichischen Staates 60 durch die Gründung einer Ein-
heitspartei bedeutete nicht nur die Reproduktion eines ideologischen Modells,
sondern die Wiege eines neuen österreichischen Patriotismus, der die Grund-
lage eines unabhängigen österreichischen Staates schaffen sollte, ein demokrati-
sches System wäre diesen Plänen hinderlich gewesen. Salata zufolge sind
innerhalb dieser [der Vaterländischen Front] der Konkurrenzgedanke und
die Interessen, die auf die Herkunft der Gruppen aus ehemaligen Parteien
zurückgehen, insbesondere zwischen Christsozialen und Heimwehren, alles
andere als verschwunden und in einer aktiven, dem Führer folgsamen Verei-
nigung zusammengeschmolzen61.
58 Promemoria von Salata, 5. August 1934, ASMAE, CS, b.140, f.842. (Unterstreichung im
Text, Übers. d. Verf.)
59 Preziosi an Mussolini, 3. August 1934, DDI, Serie VI; Bd. XV, d.643.
60 Mussolini an Dollfuß, 9. September 1933, ebd. (Übers. d. Verf.)
61 Promemoria von Salata, 12. September 1934, Salata an Suvich beigefügt, 13. September
1934, ASMAE, CS, b.140, f.842. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918