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Francesco Salata und das Österreich der 1930er Jahre
brachte die faschistische Politik in Italien manchmal in Verlegenheit, weil sie
gerade im Hinblick auf Südtirol in der öffentlichen Meinung antiitalienische
Haltungen schürte. Selbst nach der Unterzeichnung des Kulturabkommens
erinnerte er Salata daran, dass die Auseinandersetzung in Südtirol nicht zwischen
Italien und Österreich [bestünde], sondern zwischen Italien und dem deutschen Na-
tionalsozialismus68. Im Gegenteil, so Salata zu Mussolini,
die Loyalität der Deutschen in Südtirol gegenüber Italien war nicht nur
eine rechtliche Notwendigkeit, gebührend einem historischen Ereignis und
unabänderlich, sondern ein Nutzen und eine Chance für Österreich selbst.
Der Südtiroler Irredentismus, wenn er denn je existiert hat, nützte weder den
Südtirolern noch Österreich und war lediglich eine Spekulation – vielmehr
antiösterreichisch als antiitalienisch – Nazi-Deutschlands69.
Zur Verteidigung der österreichischen Unabhängigkeit musste der Duce also jene
„liberalen und sinnvollen“70 Vorschläge wieder aufgreifen, die Salata unter Wider-
spruch des damaligen Führers der Fasci di Combattimento zu Beginn der 1920er-Jah-
re verfasst hatte. Schuschnigg zeigte sich beeindruckt von dieser Initiative71, von
der er sich eine Milderung der antiitalienischen Stimmung in der österreichischen
Öffentlichkeit erhoffte, gleichzeitig sollte damit den österreichischen Nationalso-
zialisten ein Trumpf aus der Hand genommen und die Politik der Freundschaft
zwischen Wien und Rom gefördert werden. Salata schrieb nach Rom:
Alle hier sind überzeugt, dass die Einführung des privaten Deutschunter-
richts in der Provinz Bozen nicht nur einen wirksamen Schlag gegen die na-
tionalsozialistische Propaganda darstellt, sondern auch der Situation der ös-
terreichischen Bundesregierung einen wertvollen Dienst erweist. Davon wird
mit Sicherheit auch unsere kulturelle Tätigkeit hier profitieren.72
im März 1935 die Auflösung des Organs der Südtiroler Emigration veranlasst hatte, siehe
Corsini – Lill, Alto Adige 220.
68 Salata an Mussolini, 17. Februar 1935, DDI, Serie VII, Bd. XVI, d.609. Der Vorschlag,
dem der Kanzler zustimmte, kam von Salata im Laufe ihres Gespräches. (Übers. d. Verf.)
69 Ebd. (Übers. d. Verf.)
70 Pastorelli, L’Italia e l’accordo austro-tedesco 106.
71 Entwurf eines Briefs von Salata an Suvich, 23. Mai 1935, ASMAE, CS, b.148, f.901.
72 Ebd. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918