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Luca Riccardi
politik machen würde. Auf diese Weise wollte sich die italienische Regierung
von der internationalen Isolierung infolge des Abessinienkrieges befreien.
Die Wiederannäherung an Deutschland erschien dem Palazzo Venezia der
nunmehr einzige Weg85, und weil zur Erreichung des Ziels „etwas geopfert
werden musste, opferte Mussolini Österreich“ 86.
Es gab aber auch Gegner dieser Politik. Dazu gehörte vor allem Unter-
staatssekretär Suvich, der seit jeher Hauptförderer der Unabhängigkeitspoli-
tik Österreichs gewesen war. Mussolini ließ seinen wichtigsten Mitarbeiter
im Palazzo Chigi über seine Entscheidungen vollkommen im Dunkeln. Über
den Inhalt seines Gesprächs mit von Hassell erfuhr Suvich erst am 24. Jänner
und das noch dazu nicht von Mussolini, sondern vom deutschen Botschaf-
ter87. Er hielt dem Duce daraufhin die Gefahren vor Augen, die dieser Hal-
tungswechsel für das europäische Gleichgewicht bedeuten würde. Am 29.
Jänner 1936 schrieb er:
Genauso nachteilig […] wäre das Bild, das die germanophile Politik Italiens in
Österreich machen würde; die Wirkung könnte zweifacher Art sein; der Ein-
druck, dass Italien Österreich aufgäbe und es entweder in die Hände der Nazis
übergeben oder es in die Arme von Frankreichs System der Kleinen Entente
werfen würde; wir wären in beiden Fällen abgeschnitten.88
Suvich zufolge würde dadurch die Isolierung Italiens in Europa verschärft
und nicht verringert.
Deutschland in Wien bedeutet Deutschland in Budapest. Die Tschechoslowa-
kei wäre also liquidiert. Rumänien befände sich in dem Dilemma, entweder
Gefolge Russlands oder Deutschlands zu werden, und wahrscheinlich würde
es sich für Letzteres entscheiden. Jugoslawien würde sich einzig und allein mit
Deutschland verbünden wollen. Die anderen Balkanländer würden aus Tradi-
85 Siehe dazu Pastorelli, La politica estera italiana 1936–1939 in: Dalla prima alla secon-
da guerra mondiale, hrsg. von Ders. 119–134, besonders 121.
86 Di Nolfo, I rapporti 77. Zum Gespräch zwischen Mussolini und von Hassell siehe auch
Angelo Ara, Il problema austriaco nella politica estera italiana, 1936–1938 in: Fra nazione,
hrsg. von Ders. 57–75.
87 Pastorelli, L’Italia e l’accordo austro-tedesco 95; v. auch Aufzeichnung Suvich, 24.
Jänner 1936, DDI, Serie VIII, Bd. III, d.110.
88 Suvich an Mussolini, 29. Jänner 1936, DDI, Serie VIII, Bd.III, d.131. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918