Seite - 123 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 123 -
Text der Seite - 123 -
123
Francesco Salata und das Österreich der 1930er Jahre
tion und aus Interesse dem Reiz und der Überheblichkeit dieses aufblühenden
und sich aufdrängenden Deutschlands unterfallen.89
Diese weitsichtige Stellungnahme war nicht nur das Ergebnis der irreden-
tistischen Vergangenheit des Untertaatssekretärs, was ihn zu einem „natür-
lichen“ Gegner des Deutschtums machte. Die zunehmende Aggressivität der
deutschen Politik gefährdete die nationalen Interessen Italiens. Das Heranrü-
cken Mussolinis an Deutschland zerstörte das wenige, das man in den Jahren
zuvor mit dem auf den Römischen Protokolle gestützten System hatte aufbau-
en können. Die wahre Achillesferse waren die Alternativszenarien. Es gelang
Suvich nämlich nicht, Mussolini einen Vorschlag zu unterbreiten, der die
vom Palazzo Venezia entwickelte Strategie wirkungsvoll ersetzen hätte kön-
nen90. So kam es, dass der Duce ihm vorwarf, „die Partie Österreich“ verloren
zu haben91. Von diesem Zeitpunkt bis zum 11. Juni 1936, dem Tag des Amts-
antritts von Galeazzo Ciano als Außenminister, wurden im Palazzo Chigi
zwei Linien verfolgt: Mit der ersten, geleitet von Suvich, versuchte man die
österreichische Unabhängigkeit am Leben zu erhalten; mit der anderen, unter
Führung von Mussolini, pflegte man die neue Freundschaft mit Deutschland
und gab die bis dahin gewahrten privilegierten Positionen auf, um sie Berlins
Einfluss zu überlassen.
Salata wurde vom Duce – wahrscheinlich im Zuge der Audienz, die
er ihm am 24. März 1936 gewährte – beauftragt, die neue Phase der italie-
nisch-österreichischen Beziehungen zu leiten. Dies geschah ausgerechnet an
dem Tag, als sich in Rom die drei Regierungschefs trafen, welche die Rö-
mischen Protokolle unterzeichnet hatten92. Der von Mussolini erzwungene
Richtungswechsel in den österreichisch-deutschen Beziehungen war unver-
kennbar. Salata selbst musste den widerstrebenden österreichischen Bundes-
kanzler dazu überreden, seine Einstellung zu einer Zusammenarbeit mit
89 Suvich an Mussolini, 7. Februar 1936, ebd., d.194. (Übers. d. Verf.)
90 Pastorelli, L’Italia e l’accordo austro-tedesco 96.
91 Ara, Il problema austriaco 64.
92 Entwurf eines Briefes von Salata an Mussolini, 25. März 1936, ASMAE, CS, b.148, f.903;
für die Inhalte des Treffens zwischen den drei Regierungschefs siehe Colloquio Mussolini–
Schuschnigg–Gömbös, 21.–23. März 1936 und Colloquio Mussolini-Schuschnigg, 24. März
1936, DDI, Serie VIII, Bd. III, dd. 506, 511, 513, 523.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918