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Paolo Valvo
den Anschein haben können, gut zu sein, aber sich immer den Geist, der ihnen
zugrunde liegt, vor Augen zu führen. Und dieser Geist ist der Geist des Antichrist44.
Der Vatikan und Österreich unter Dollfuß
Auch der Heilige Stuhl beteiligte sich an den die Alpenrepublik betreffenden
Fragen, jedoch waren seine Standpunkte in vieler Hinsicht ernüchternd. Sei-
nen Einschätzungen zufolge bestand vor allem die Notwendigkeit, das Fort-
bestehen Österreichs als unabhängiger Staat vor der nationalsozialistischen
Bedrohung zu verteidigen. Österreich stellt somit eine Fallstudie dar, die
Aufschluss über die Stellung von Pius XI. und seines Kardinalstaatssekretärs
Eugenio Pacelli in Bezug auf den nationalsozialistischen Totalitarismus gibt,
von den Vorboten der hitlerischen Ausdehnungsbestrebungen bis hin zum
tragischen Ende der österreichischen Unabhängigkeit45. Auf der Grundlage
der vatikanischen Dokumentation, die bereits seit mehr als zehn Jahren in
den Archiven des Heiligen Stuhls zugänglich ist, lässt sich bestätigen, dass
die Verteidigung der österreichischen Unabhängigkeit einen der wesentli-
chen Pfeiler der päpstlichen Diplomatie auf dem europäischen Schachbrett
zwischen den beiden Weltkriegen darstellte. Aus diesem Grund sah der Va-
tikan das österreichische autoritär-korporative Experiment von Dollfuß ins-
gesamt recht positiv; ein notwendiger Weg für ein Land, dessen Überleben
bedroht schien – von außen durch den nationalsozialistischen Pangermanis-
mus und von innen durch die bewaffneten Oppositionsanhänger der sozia-
listischen Partei und den österreichischen Nationalsozialismus46. Der Heilige
Stuhl bekundete daher seine offene Unterstützung der Regierung Dollfuß
und drückte, was die autoritären Aspekte anbelangte, ein Auge zu.
Diese Unterstützung war vor allem symbolisch, konnte aber bei Bedarf
spezifische politische Weisungen implizieren. Neben den zu mehreren An-
44 Dietrich von Hildebrand, Lo spirito del nazionalsocialismo, in: Studium 11 (1935) 664
(Übers. d. Verf.). Der Artikel wird ebenfalls von Torchiani, Mario Bendiscioli 138, zitiert.
Zur Bezeugung eines gemeinsamen Interesses in den universitären katholischen Kreisen
hatte die Zeitschrift der FUCI im Januar 1934 einige Auszüge aus der Neujahrsansprache
des Kardinal Erzbischof von München Michael von Faulhaber publiziert, die eine schwere
Anklage „gegen die neue nordisch-germanische Religion, ohne Christus“ darstellte. Siehe
Cristianesimo e germanesimo, in: Azione Fucina, 28. Jänner1934 1.
45 Paolo Valvo, Dio salvi l’Austria! 1938: il Vaticano e l’Anschluss (Milano 2010).
46 Fritz Sandmann, «L'Osservatore Romano» e il nazionalsocialismo (1929–1939) (Roma
1976) 150 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918