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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
zerstören und den Glauben zu ersticken. De Gasperi verschloss jedenfalls nicht
die Augen vor den Gefahren, die ein vollständiger Bruch der Regierung mit
dem Arbeiterstand mit sich brächte: Dollfuß’ Sieg ist sicher nicht endgültig, außer
er erobert die Seelen der Arbeiterklasse zurück. Der wahre Korporativismus beginnt
jetzt. Cavour sagte, dass im Belagerungszustand alle in der Lage seien zu regieren;
aber das Schwierige kommt danach53. Guido Gonella, der einen Artikel der Wie-
ner Tageszeitung „Neue Freie Presse“ in der Zeitschrift „L’Osservatore Roma-
no“ wiederveröffentlichte, behauptete: Die Unterdrückung der österreichischen
Sozialdemokratie bedeutet nicht, wie auch Dollfuß kürzlich erklärt hat,
den Beginn einer antidemokratischen Politik der Regierung, die nämlich
die Rechte des Volks gegen die parteilichen Interessen der sozialistischen
Organisationen verteidigen möchte54. Ebenso bedeutsam war das Urteil eines
anderen ehemaligen FUCI-Mitglieds, Mario Bendiscioli, der – sich auf die
Unterdrückung der sozialistischen Revolte und des nationalsozialistischen
Terrorismus unter Dollfuß beziehend – von einem Kampf sprach, der von
einem religiösen Ansatz geleitet und mit christlichem Geist geführt werde55.
Eine völlig gegensätzliche Haltung nahm hingegen Don Luigi Sturzo
ein, der Gründer des aufgelösten Partito Popolare Italiano. Aus seinem Exil in
London übte er von der Aussetzung der parlamentarischen Tätigkeiten (März
1933) bis zum damalig gegenwärtigen Moment scharfe Kritik am Verhalten
der österreichischen Regierung:
Es ist traurig, dass die österreichische Christlich-Soziale Partei – anstatt dass
sie alles versucht, um die Freiheit und Demokratie des eigenen Landes zu
retten […] und mit der tatsächlichen und gleichzeitigen Entwaffnung aller
Parteien fortfährt – sich dem Faschismus anvertraut, bewaffnete Truppen
autorisiert und sogar selbst kleine Truppen hat […]. Die Folge ist, dass die
Christlich-Soziale Partei heute gezwungen ist, sich mit der Regierung und
den Faschisten zu solidarisieren und somit die blutige Unterdrückung einer
Arbeiterrevolte zu unterstützen. Wir verteidigen die Sozialisten und ihre
53 Spectator, Quindicina internazionale, in: L’Illustrazione Vaticana, 1. März 1934, nun
in: Alcide De Gasperi, Scritti di politica internazionale 1933–1938, Bd. I (Città del Vaticano
1981) 126. (Übers. d. Verf.)
54 Guido Gonella, Acta Diurna, in: L’Osservatore Romano, 21. Februar 1934 2.
55 Bendiscioli, La vita interiore di Ignazio Seipel 252.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918