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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
Eindringlichkeit erwähnenswert, mit welcher der Autor die nicht nur dip-
lomatische, sondern auch kulturelle Nähe zwischen Österreich und Italien
hervorhob. Diese Nähe war – trotz der Konflikte in der Vergangenheit – dank
Dollfuß94 und seiner Freundschaft mit Mussolini größer geworden. Das wur-
de auch von Bendiscioli anerkannt, der Italiens Anstrengungen zur Verteidi-
gung der österreichischen Unabhängigkeit würdigte:
[…] römisch-katholische Nation, die die Rückkehr Österreichs zu seinen bes-
ten historischen Traditionen, katholisch und lateinisch, wohlwollend verfolgt;
gegenüber eines wahnwitzigen deutschen Raums hinter nebelhaften rassisti-
schen und antirömischen Mythen; als autoritär-korporatives Regime, das in
der analogen Ordnung des kleinen Landes an der Donau eine faktische Bestä-
tigung des Erfolgs der eigenen erkennt; ja gar ein indirekter Widerschein der
eigenen sozialpolitischen Leitlinien95.
Der Tod von Dollfuß gab somit Anlass dazu, ein weiteres Mal die von gegen-
seitiger Inspiration geprägte Beziehung zwischen Italien und Österreich her-
vorzuheben, die auch in den nachfolgenden Jahren – wenn auch unterschied-
lich intensiv – ein weites Querschnittsthema der verschiedenen Akteure des
italienischen Katholizismus darstellte.
94 Ein Mann, der den religiösen Glauben so aus tiefster Seele empfand und lebte, konnte sich der
Faszination, die vom katholischen und italienischen Rom nach Wien übertrat, nicht entziehen. Ebd.
91. (Übers. d. Verf.)
95 Francesco Torchiani kommentierte diese Passage der Einleitung von Bendiscioli und
bestätigte, dass dies nicht unbedingt als Beweis für „eine grundlegendere Übereinstimmung
von Bendiscioli mit dem korporativen christlichen Staat, wie er in der Verfassung von 1934
festgelegt ist“ bewertet werden müsse, denn „dieser Aspekt von Dollfuß’ Wirken [war] für
ihn zweitrangig, allerhöchstens auf den Nachhall der Debatte über die Krise des Kapitalis-
mus und den Korporativismus zurückzuführen, die bei den Universitätsabsolventen bei-
spielsweise gerade zu diesem Zeitpunkt durch die dem Thema Arbeit gewidmete Soziale
Woche den Höhepunkt erreichte. Die Bedeutung des österreichischen Modells lag Bendi-
scioli zufolge hauptsächlich in der Antwort kultureller und geistiger Art, die dieses bei der
Eindämmung der nationalsozialistischen Gefahr bieten könnte.“ Siehe Torchiani, Mario
Bendiscioli 129 f. Diesbezüglich scheint es jedoch schwer zu glauben (auch angesichts ande-
rer Aussagen von Bendiscioli, die in diesem Beitrag zitiert werden, dass der christlich-korpo-
rative Aspekt des österreichischen Regimes nach Ansicht von Bendiscioli und vieler italieni-
scher Katholiken keinen Bestandteil dieser „Antwort kultureller und geistiger Art“ darstellt,
die Österreich dem Nationalsozialismus entgegensetzen wollte. Dies ging auch klar aus den
Reden von Dollfuß hervor, auf denen das übersetzte Buch von Bendiscioli basiert. Außerdem
wird dargelegt, dass Torchiani in Bezug auf denselben hier zitierten Auszug der Einleitung
den Ausdruck „als autoritär-korporatives Regime“ auslässt. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918