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Paolo Valvo
4. Der österreichische Ständestaat in der
katholischen Publizistik vom Mord an Dollfuß
bis zum „Anschluss“
Am Tag nach der Ermordung des österreichischen Kanzlers wich die Bestür-
zung der katholischen Welt Italiens recht bald der Überzeugung, dass sein
Nachfolger Kurt von Schuschnigg der Lehre Dollfuß’ zum Wohle Österreichs
und ganz Europas treu bleiben werde. Es steht nicht fest, ob dieser Glau-
be jeweils auf einer sachlichen Bewertung der internen und internationalen
politischen Entwicklungen basierte oder vielmehr auf dem Willen, den „Alb-
traum“, den das Fallen Österreichs in die Hände der Nationalsozialisten für
den Großteil der italienischen Katholiken darstellte, zu verbannen. Sicher
ist jedoch, dass die Betonung der Kontinuität zwischen Schuschnigg und
Dollfuß zu einer Art „Themenschwerpunkt“ wurde, von dem die katholi-
sche Publizistik nicht abwich, bis praktisch der „Anschluss“ vollzogen war.
In dem bereits zitierten Beitrag für „Vita e Pensiero“ schrieb Dietrich von
Hildebrand beispielsweise, dass Dollfuß’ Nachfolger und seine Mitarbeiter
mit dem Auffangen seines mit Blut bespritzten Vermächtnisses entschieden, mit
unerschütterlichem Willen sein großes Werk in seinem Sinne weiterzuführen und
aus dem christlichen und unabhängigen Österreich eine Mauer der Verteidigung
zu machen, gegen Feinde des Christentums und der ganzen westlichen Zivilisation,
gegen den Bolschewismus und den Nationalsozialismus96. In die gleiche Richtung
ging der Autor der in „Gioventù Italica“ publizierten Gedenkworte, welcher
von der Parallele zwischen Dollfuß und Garcìa Moreno ausgehend betonte,
Letzterer sei eine einsame Blume im Urwald am Äquator; er hatte keine Vorgänger
und leider, in seinem unglücklichen Land, keine Nachfolger. Österreich befindet sich
erfreulicherweise in einer glücklicheren Lage 97.
Zwei Wochen nach dem Juliputsch bestätigte auch Gonella: Dollfuß hat
auf festem Boden gebaut. Das Blut des Opfers hat endgültig eine Politik geweiht, die
nicht mehr gewendet werden darf und kann. Das, was in den trüben Tagen in Wien
Hoffnung und Zuversicht war, ist heute Sicherheit. Österreich hat wieder eine Ord-
nung gefunden und ein Oberhaupt, das Dollfuß Treue geschworen und damit gewusst
96 Hildebrand, Dollfuss „miles Christi“ 553. (Übers. d. Verf.)
97 Kip, Memoria 265. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918