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Paolo Valvo
mindest dem Anschein nach – der Überzeugung, Österreich könne eine gott-
gewollte Aufgabe im Konzert der Nationen zukommen, nichts anhaben102.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang der eigenartige Kontrast zwischen
den noch im Jahr 1937 tendenziell eher positiven Beurteilungen der Entwick-
lung der österreichischen Situation in den „Acta Diurna“ von Gonella103 und
dem zunehmenden Pessimismus von Pius XI. sowie Kardinal Pacelli bezüg-
lich der Zukunft der Alpenrepublik104. Im Übrigen hatte die Tageszeitung des
Heiligen Stuhls die Beeinflussung durch die Diplomatie zu berücksichtigen,
da sich einerseits die italienische Regierung Deutschland immer mehr an-
näherte und andererseits die österreichische Regierung – auch gegenüber
dem Heiligen Stuhl selbst – ein festes Vertrauen in die Zukunft zur Schau
trug und daher jegliche in Bezug auf das Schicksal des Landes alarmierende
Nachrichten dementierte.
Das Thema der historischen Mission Österreichs105 stieß auch in den
Betrachtungen De Gasperis auf eine gewisse Resonanz, der bis zuletzt den
Ständestaat als Versuch darstellte, einen Mittelweg zwischen Autorität und
Freiheit zu finden. Am 1. Dezember 1936 wiederholte De Gasperi beispiels-
weise in „L’Illustrazione Vaticana“ die Inhalte eines Artikels der Wiener
„Reichspost“ und merkte an, dass Österreich, trotz der Regierung durch eine
102 Einen Tag nach dem österreichisch-deutschen Abkommen vom 11. Juli 1936 brach-
te Monsignore Di Meglio beispielsweise sein „De novissimo Austriae regimine“ zum Ab-
schluss und sagte sich davon überzeugt, dass Schuschnigg den von Dollfuß eingeschlagenen
Weg fortführen würde. Siehe Di Meglio, Novissimo 101, 105.
103 In seinem Kommentar zum Besuch des deutschen Außenministers Konstantin von
Neurath in Wien am 23. Februar 1937, beobachtete Gonella: „Die Wiener Feierlichkeiten und
der Konservatismus zeigten sich von jener Korrektheit und Freundlichkeit in den Bezie-
hungen geprägt, die die Politik der beiden Regierungen bestimmen sollten, nachdem das
Reich feierlich mit dem Juliabkommen die schwer erkämpfte österreichische Autonomie und
Unabhängigkeit anerkannt hat“. Weiter schlussfolgert er: „Das treue Resultat des Wiener
Treffens ist ein Beweis dafür, dass dieser Weg für die Beziehungen zwischen den beiden
Ländern der richtige ist.“ Siehe Acta Diurna, in: L’Osservatore Romano, 26. Februar 1937, nun
in: Gonella, Verso 232 f. Ein Jahr später, einen Tag nach dem Treffen in Berchtesgaden am 15.
Februar 1938, schrieb Gonella: „Es ist der Kaltblütigkeit einiger Staatsmänner zu verdanken
– und in besonderer Weise dem Verantwortungsbewusstsein des österreichischen Kanzlers
Schuschnigg – dass die europäische Situation heute mit einer gewissen Gelassenheit be-
trachtet werden kann und auch mit einem begründetem Vertrauen auf ein neues Gleich-
gewicht, vielleicht noch provisorisch, aber nicht völlig illusorisch.“ Siehe Acta Diurna, in:
L’Osservatore Romano, 23. Februar 1938, ebd. 281.
104 Siehe diesbezüglich Valvo, Dio 144–147.
105 An dieser Stelle ist der Hinweis nicht unangebracht, dass sich diesem Thema eines der
Kapitel des von Arnold Tauscher herausgegebenen Buchbandes widmet.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918