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Paolo Valvo
Persönlichkeiten Seipel und Dollfuß auf der einen Seite weiterhin eine be-
achtenswerte Faszination bei den Katholiken109 hervorriefen – deutlich mehr
als Schuschnigg, demgegenüber immerhin die katholische Presse stets ihre
Wertschätzung äußerte –, wich die breite Anteilnahme an den Geschehnis-
sen im Land immer mehr einer konzentrierteren Aufmerksamkeit auf Ein-
zelbereiche des österreichischen korporativen Experiments und weniger auf
das Regime in seiner Gesamtheit110. Besonders bedeutsam war beispielsweise
das Thema der katholischen Jugendverbände, die dem Vorhaben des Regimes
von Schuschnigg zufolge in einer einzigen Staatsjugendorganisation zusam-
menfließen sollten und in enger Verbindung zur „Vaterländischen Front“
stehen sollten. Dieser Punkt war – insgesamt zugunsten der Autonomie der
katholischen Organisationen – bereits im Zusatzprotokoll des Konkordats
vom 5. Juni 1933 geregelt111; das österreichische Episkopat war sich jedoch
bezogen, die von De Gasperi war mehr historisch-kulturell geprägt. Die Tatsache, dass Letz-
terer sich beinahe ein Jahr lang nicht auf ein Thema konzentriert hatte, dass ihm so wichtig
war wie Österreich – vielmehr aus biografischen als aus intellektuellen Gründen – ist wahr-
scheinlich ein Zeichen dafür, dass es im Allgemeinen in den katholischen Kreisen Italiens
teilweise seinen „ideologischen Appeal“ verloren hatte.
109 Ein sinnbildliches Beispiel dafür ist der Bericht von Luigi Prosdocimi über eine Reise
nach Österreich im Oktober 1935, der in der Zeitschrift der FUCI veröffentlicht wurde. Darin
berichtet das junge FUCI-Mitglied von seinen Eindrücken nach einem Besuch der Christkö-
nigskirche, wo die beiden Kanzler Seipel und Dollfuß beigesetzt waren, und beschreibt die
beiden Staatsmänner wie folgt: Der gelehrte und bescheidene Priester, der arm starb, weil er alles
Bedürftigen gab, die praktische und vielsagende Bestätigung der von ihm befürworteten sozialen und
wirtschaftlichen Reformen; und der Laie, der sein privates und öffentliches Leben zu einer Mission
des Wohls und Friedens machte – wie es der Gedenkstein an seinem Grab sagt – „opferte sein Leben
für das Vaterland“, für ein deutsches und christliches Österreich. Siehe Luigi Prosdocimi, Viaggio
in Austria. Dal mausoleo degli Asburgo alla tomba di Dollfuss, in: Azione Fucina, 24. No-
vember 1935 1 (Übers. d. Verf.). Speziell Seipel betreffend war es sehr bedeutsam, dass die
Zeitschrift „L’Assistente Ecclesiastico“ den Assistenten der Katholischen Aktion seine Per-
son noch im Dezember 1937 als Bezugsmodell antrug. Siehe Faustino Gianani, Monsignor
Ignazio Seipel, in: L’Assistente Ecclesiastico 12 (1937) 696–700.
110 Das soll jedoch nicht heißen, dass die Aufmerksamkeit der Katholiken in Bezug auf
das Thema Korporativismus als solches abnahm. Aus dem allgemeinen Interesse des italie-
nischen Katholizismus schien vielmehr das österreichische Modell als korporativer „My-
thos“ zu verschwinden.
111 In dem oben genannten Protokoll (Art. XIV.) räumt die österreichische Regierung
den Organisationen, die Teil der Katholischen Aktion sind, die „volle Freiheit hinsichtlich
ihrer Organisation und Tätigkeit“ ein und verpflichtet sich zudem dafür zu sorgen, dass
„die Erhaltung und Entfaltungsmöglichkeit der seitens der zuständigen kirchlichen Oberen
anerkannten katholischen Jugendorganisationen geschützt“ wird und dass „in vom Staat
eingerichteten Jugendorganisationen der katholischen Jugend die Erfüllung ihrer religiö-
sen Pflichten in würdiger Weise und ihre Erziehung in religiös-sittlichem Sinne nach den
Grundsätzen der Kirche gewährleistet“ wird. Siehe Enchiridion dei Concordati. Due seco-
li di storia dei rapporti Chiesa-Stato, hrsg. von Erminio Lora (Bologna 2003) 863 (Übers.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918