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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
uneinig. Auf der einen Seite gab es die Befürworter der Unabhängigkeit der
katholischen Jugendverbände von jeglicher politischer Einmischung, wie der
Bischof von Linz Johannes Maria Gföllner. Auf der anderen standen diejeni-
gen, die eine Form von Zusammenlegung der Katholischen Aktion und der
Vaterländischen Front für möglich hielten und zu denen der Erzbischof von
Salzburg, Sigismund Waitz, sowie der von St. Pölten, Michael Memelauer, ge-
hörten112.
Ein weiteres Thema, welches das Episkopat – noch immer mit der Fra-
ge der katholischen Jugend beschäftigt – spaltete, war die Aktion der katho-
lischen Jugendbewegung Neuland, die 1921 von den Priestern Karl Rudolf
und Michael Pflieger aufgrund des Interesses an der liturgischen Erneuerung
und der Arbeiterfrage gegründet worden war113. Der Wunsch einiger Mitglie-
der der Bewegung nach einer exzessiven Unabhängigkeit in Bezug auf die
kirchliche Hierarchie und die widersprüchliche Haltung mancher gegenüber
dem Nationalsozialismus (welche auf die Befürwortung des Pangermanis-
mus vieler „Neuländer“ zurückging) hatten zur harschen Kritik von Monsi-
gnore Gföllner und zum Argwohn der Apostolischen Nuntiatur gegenüber
Neuland geführt. Innitzer, der Erzbischof von Wien, verteidigte die Bewe-
gung hingegen, auch beim Heiligen Stuhl114. Angesichts dieser Situation ist
es ziemlich bezeichnend, dass genau dann, als im Vatikan die verschiedenen
Haltungen gegenüber Neuland aufeinandertrafen, ein gewichtiger Beitrag
von einem bedeutenden Mitglied der Bewegung in „Studium“ veröffentlicht
d. Verf.). „L’Assistente Ecclesiastico“ merkt diesbezüglich an, dass die Verpflichtungen des
Staats „einen Fortschritt verglichen mit all den vorangegangenen Konkordaten“ darstelle
und schlussfolgert, dass „die Vertreter des österreichischen Staats mit der Unterzeichnung
dieser feierlichen Konvention gezeigt haben, dass sie daran glauben, dass die Katholische
Aktion nicht nur unschädlich für die Interessen des Staats ist, sondern diese sogar fördert“.
Siehe L’Azione Cattolica nel concordato tra la Santa Sede e l’Austria, in: L’Assistente Ecclesi-
astico 6 (1934) 402. (Übers. d. Verf.)
112 Zu diesem Thema sei auf den demnächst erscheinenden Beitrag zu den Jugendorgani-
sationen im Ständestaat verwiesen: Andreas Gottsmann, Die Gleichschaltung der Jugend-
organisationen im autoritären Regime der Jahre 1934–1938, in: Römische Historische Mit-
teilungen 62 (2020).
113 Zu den Ereignissen betreffend Neuland in den Jahren des Ständestaats siehe bei-
spielsweise Jaroslav Šebek, Die Beteiligung der österreichischen katholischen Kreise an der
Entstehung und dem Erhalt des Ständestaates 1933/34–38, in: Krise, Krieg und Neuanfang.
Österreich und die Tschechoslowakei in den Jahren 1933–1948, hrsg. von Miroslav Kunštát,
Jaroslav šebek, Hildegard Schmoller (Berlin 2017) 61–65.
114 Siehe diesbezüglich außerdem Valvo, Dio 128–130 und Gottsmann, Gleichschaltung.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918